hws-natour

Exkursion - Reflexion - Kreation

Meine Hütten

lautet der Titel einer Reihe von Geschichten, in denen ich Erlebnisse  schildere, die mich von Jugend an geprägt haben.

Die Tage und Stunden, die ich in irgendwelchen Hütten verbracht habe, gehören zu den schönsten in meinem Leben.

Eine Volksweisheit sagt dazu:

„Wenn du im Herzen Frieden hast, ist deine Hütte ein Palast!“

Bisherige Kapitel in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

11 – WIEDER IM LÄRCHA

10 – IM LÄRCHA

9 – BOOTSHAUSIDYLLE

8 – DIE FERIENHÜTTE IN BURG

7 – FÜRST ALM

6 – DIE SCHLOSSER HÜTTE (TEIL 2)

5 – DIE SCHLOSSER HÜTTE (TEIL 1)

4 – REINHOLDS WALDHÜTTE

3 – THUMERSBACH

2 – DIE SKIHÜTTE

1 – DAS HÜTTCHEN

11 – Wieder im Lärcha

Es dauerte zwei Jahre bis ich wieder ins Lärcha kam. Es war Ende Mai und diesmal außerhalb der Jagdsaison. Ich hatte vor, sowohl die Tierwelt im Bereich der Bilitz-Hütte, als auch die Pflanzenwelt des beginnenden Bergfrühlings zu filmen und zu fotografieren. Wieder holte Heimo mich vom Zug ab. Dieses Mal allerdings im geschlossenen Wagen, denn es regnete. Es regnete stark, und das schon seit Tagen. Der anhaltende Regen sollte in diesem Frühjahr im südlichen Bayern sogar zu einer Jahrhundertflut führen. Hier in den Bergen hatte der viele Niederschlag bisher lediglich den Gipfeln neue weiße Hauben aufgesetzt, die ab und zu kurz aus der grauen Wolkenschicht hervor lugten. Trotz des schlechten Wetters wollte ich so schnell als möglich zur Hütte hinauf fahren. Ungeduldig erledigte ich im Supermarkt die für die kommenden Tage nötigen Einkäufe und drängte nach dem jetzt fast schon traditionellen Knödelessen bei Resi zum Aufbruch. Der Regen hatte aufgehört, erste Sonnenstrahlen brachen durch die Wolken, und so war ich recht zuversichtlich, als Heimo seinen Land Rover den Waldweg zur Lärcha-Hütte hinauf steuerte. Flott ging es dahin, und ich freute mich schon auf die Ankunft bei der Hütte, als plötzlich unsere Fahrt je gestoppt wurde. Was war los?! Eine Mure aus Schlamm und Geröll versperrte vor uns den Weg. In den Tagen zuvor musste wohl starker Regenfall links oben im Wald eine Schlammlawine ausgelöst haben, die dann den Hang hinunter und über den Weg geschwemmt worden war und dabei diese Schlammbarriere hinterlassen hatte. Konnte man einfach durch sie hindurch fahren? Einen ersten Versuch dazu gaben wir rasch auf, denn es bestand die Gefahr, dass der Wagen im tiefen, zähen Schlamm stecken blieb. Ratlos, wie es weiter gehen sollte, mussten wir umkehren und ins Tal zurückkehren.

Hieß das, dass ich jetzt einfach auf mein Hüttenabenteuer, auf das ich mich so lange gefreut hatte, verzichten musste? Enttäuscht bezog ich zunächst einmal bei Heimo eines seiner Fremdenzimmer und verbrachte dort die Nacht, in Gedanken stets auf eine baldige Lösung meines Problems hoffend.

Am nächsten Morgen war ich schon um fünf Uhr auf und ging, da es gerade nicht regnete, mit dem Foto hinunter zum Fluss. Der Wasserstand der Möll war stark angestiegen und ihre Wellen rauschten lautstark über das Felsgestein. Dank der reichen Niederschlagsmenge waren die Gräser und Blumen auf den Uferwiesen üppig empor geschossen. Ihr bunte Vielfalt war beeindruckend. Neben zahllosen weißen Kugeln der Pusteblumen standen lila-blau die Ochsenzungen, leuchtete gelb der Hahnenfuß, violett die Wiesen-Glockenblume, weiß die Lichtnelke, schimmerte blass-rot die Pechnelke. Alles war wunderschön anzusehen und auf Foto und Film zu bannen. Nur, deswegen war ich ja nicht hier. Ich sehnte mich danach, endlich irgendwie ins Bergrevier zu gelangen.

Als Heimo später am Frühstückstisch mein enttäuschtes Gesicht sah, meinte er lachend, es gäbe doch überhaupt kein Problem, denn früher, als sie noch nicht fahren konnten, wären sie halt einfach gelaufen und hätten ihre Sachen eben hinauf getragen. Also sollten wir es jetzt ebenfalls, einfach so wie früher, machen. Und das taten wir dann auch. Wir packten alles, was für meinen Hüttenaufenthalt nötig war, in Taschen und große Rucksäcke um und fuhren damit den Weg bis zur Mure hinauf. Dort stiegen wir aus, schulterten unser Gepäck und umgingen, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, den Bergrutsch an seinem unteren Ende, da, wo die Schlammschicht am dünnsten war.

Am leichtesten hatte es dabei Lucy, Heimos Jagdhund, eine Tiroler Bracke, die uns, freudig schwanzwedelnd, den Weg zur Lärcha-Hütte hinauf begleitete. Ganz so leicht hatten wir als die Gepäckträger es nicht, da die Mure den Weg etwa in der Mitte der gut acht Kilometer langen Strecke gesperrt hatte, sodass noch gute vier Kilometer zu Fuß zu gehen waren. Während Heimo sein Gepäck lockeren Schrittes dahin trug, folgte ich ihm, unter meiner Last schwitzend und schnaufend, nur langsam nach, stets flankiert von der leicht und frei daher springenden Lucy.

Als wir endlich nach circa einer Stunde oben angelangt waren und uns umschauten, musste ich ein wenig befremdet feststellen, dass hier von Bergfrühling noch weit und breit nichts zu sehen war. Der Schnee lag von den Berghängen herab bis tief in den Wald hinein, Reste davon direkt auch vor der Hüttentür. Die Hütte selbst wirkte von außen kalt und abweisend. All das machte auf mich einen wenig einladenden Eindruck. Es war kühl, und ich fröstelte, während mir der Schweiß von der Anstrengung des Hinaufgehens noch auf der Stirn stand. Für die vor mir liegenden Tage hoffte ich inständig, dass das Wetter sich bessern und es wärmer werden möge. In der Zwischenzeit musste ich es eben nehmen, wie es war.

Nachdem Heimo zuerst einmal Feuer im großen Kachelofen gemacht hatte, breitete sich langsam eine wohltuende Wärme in der Hütte aus. Nach einer kurzen Verschnaufpause machte ich mich ans Auspacken und Einräumen, während Heimo den Brennholzvorrat ergänzte und am Brunnen zwei Eimer Wasser holte. Die Hütte verfügte ja zwar über ein funktionierendes Wasserleitungsnetz, das aber im Winter und in der kalten Jahreszeit abgestellt war, um der Gefahr des Einfrierens der Wasserrohre zu begegnen. In dem von mir bewohnten und nun bald ständig beheizten Hüttenteil konnte das jetzt ja nicht mehr passieren, wohl aber in der zur Zeit leer stehenden Nachbarhütte. Also hatte ich während meines Aufenthaltes auf den Luxus des fließenden Wassers aus dem Hahn zu verzichten und alles Wasser für Küche, Bad und Toilette draußen am Brunnen zu holen. Als Ersatz für diese kleine Unannehmlichkeit war dieses Nass stets von kühler, belebender Frische.

Bevor sich mein fürsorglicher Freund von mir verabschiedete, ließ er mich noch wissen, dass er beabsichtige, morgen mit dem Motorrad die Mure am unteren Rand zu durchfahren, und mir so mein restliches Gepäck und die übrigen Lebensmittel zu bringen. Dann ging er mit langen Schritten davon, seinen leeren Rucksack auf dem Rücken und mit der treuen Lucy im Gefolge. Dankbar für all die Mühen, die er meinetwegen auf sich nahm, winkte ich ihm hinterher.

Als er gegangen war, wurde mir urplötzlich klar, dass ich nun allein war, ganz allein, und dass ich das auch in der nächsten Zeit bleiben würde. Die Mure verhinderte ja jeden bequemen Weg, zu mir hier herauf zu kommen. Ich fühlte mich somit völlig von der Außenwelt abgeschnitten, und es war kein beängstigendes, sondern vielmehr ein herrlich befreiendes Gefühl. Niemand Fremdes konnte mich in meiner Hütteneinsamkeit stören. Ich durfte ganz in Ruhe für mich alleine sein. Dessen bewusst, begann ich mein Hüttenleben von ganzem Herzen zu genießen.

Zuerst heizte ich den kleinen Küchenherd neben dem Kachelofen ein und kochte mir eine erste Hütten-Mahlzeit. Der Einfachheit halber gab es Würstchen und Linsensuppe aus der Dose. Nach dem Essen spülte ich mein Geschirr trotz leichten Regens draußen am Brunnen ab und sah dabei, dass die Berge immer noch wolkenverhangen waren. Das Thermometer an der Außenwand der Hütte zeigte für eine Tag Ende Mai ungewöhnliche drei Grad Celsius an. Schnell war ich wieder in der mittlerweile auf über zwanzig Grad erwärmten Hütte und gab mich einer ausgedehnten Siesta hin, während der sich meine vom Aufstieg immer noch müden Knochen langsam erholen konnten. Als ich dann am Abend wieder wach wurde, hörte ich wie draußen die Tropfen des schmelzenden Schnees leise auf den Boden klopften. Immerhin war die Temperatur dort ja auch schon auf hoffnungsvolle sechs Grad Celsius angestiegen.

Am nächsten Morgen hatte bei wiederum nur drei Grad Außentemperatur heftiger Schneefall eingesetzt. Trotz der widrigen äußeren Umstände verfehlte ich es dennoch nicht, meinen neuen Hüttenpflichten nachzukommen, das heißt, Holz und Wasser zu holen und auch die Forellen zu füttern, die immer noch in dem Vorhaltebecken unten am Bach gehalten wurden. Erst danach konnte ich an mein eigenes leibliches Wohl denken. So sehr es mich anschließend auch danach gelüstete, zur Wildbeobachtung aufzubrechen, hielten mich sowohl die nunmehr zur Nullgrenze gefallenen Temperaturen als auch das intensiver gewordene Schneetreiben davon ab. An das beabsichtigte Fotografieren von blühenden Frühlingsblumen war ehedem nicht zu denken.
So beschloss ich, das Beste aus der Situation zu machen, holte mein Notebook und meine Reisenotizen aus der Tasche und machte es mir am großen Tisch in der behaglichen Wohnzimmerecke bequem. Während mich das Wetter in der Hütte festhielt, bot sich mir ja die beste Gelegenheit, einige für meine Webseite geplante Beiträge zu konzipieren. Gerne hätte ich dazu, um den Geist zu beflügeln, ein Glas Wein getrunken, aber die von mir vorsorglich eingekauften Flaschen hatten, als nicht so ganz unbedingt lebensnotwendig eingestuft, ja leider unten im Tal bleiben müssen.

Am Nachmittag klarte es endlich auf, und der Schneefall hörte auf. Sofort zog ich mich wärmer an, packte die optischen Geräte in den Rucksack und marschierte, meinen Wanderstab in der Hand, den Weg zum Beobachtungsstand hinunter. Rings um mich herum tropfte es von allen Zweigen, und mein Atem stand als Dampf sichtbar vor meinem Mund. Die Sicht auf den gegenüberliegenden Hang mit der breiten Schneise war klar. Hoch oben erfasste das Spektiv sofort drei männliche Rothirsche, die sich äsend dort bewegten. Alle Unbilden des Wetters waren bei diesem Anblick im Nu vergessen, und große Freude flammte in mir auf.

Lange verweilte ich beim Anblick dieser herrlichen Tiere, als mich plötzlich Motorengeräusch aufhorchen ließ. Heimo kam mit dem Motorrad den Weg hochgefahren, Lucy in leichtem Galopp neben sich her laufend. Da ich mich so schnell nicht aus dem Beobachtungsstand heraus bemerkbar machen konnte, fuhr er stracks an mir vorbei. Sogleich beendete ich meine Observation, verabschiedete mich mit einem letzten Blick von den immer noch ruhig dort oben grasenden Hirschen, packte zusammen und folgte ihm nach. Als ich oben angekommen war, sah ich, dass Heimo in der Zwischenzeit schon wieder für mich fleißig gewesen war und den Holz- und Wasservorrat ergänzt hatte. Mein restliches Gepäck und die Tasche mit den noch fehlenden Lebensmitteln lagen auch schon auf dem Tisch. Herzlich bedankte ich mich bei meinem Freund, der zu meiner Freude auch die noch fehlenden Weinflaschen mitgebracht hatte. Noch mehr aber freute mich seine Nachricht, dass die für den Wegebau verantwortliche Gemeinde aufgrund der vielen zu reparierenden Stellen die Mure auf unserem Weg wohl erst in ein paar Tagen würde beseitigen können. Das hieß, dass mein alleiniges und ungestörtes Hüttendasein für die nächste Zeit gesichert war. Im Stillen sagte ich der Mure ein Dankeschön. Heimo erklärte mir dann auch, wie er es schaffte, die Verbindung zu mir aufrecht zu erhalten. Er hatte das Motorrad in seinen Landrover geladen, war damit bis zur Mure gefahren, hatte mit dem Kraftrad die Mure überquert und war dann zu mir hinauf gefahren. Auf dem Rückweg hatte er das Rad vor der Mure im Wald versteckt, war zu Fuß zum Auto gegangen und nun damit wieder heim gefahren. Auf dem umgekehrten Wege hatte er es heute gemacht, und so sollte es auch künftig gehen. Wieder war ich sprachlos angesichts dessen, was er in seiner selbstlosen Art alles für mich tat. Ich wusste gar nicht, wie ich ihm danken konnte. Heute hatte er es eilig, wieder ins Tal zu kommen, denn seine Arbeit wartete ja auf ihn.

Den Rest des Tages verbrachte ich hauptsächlich mit der Foto- und Filmbearbeitung meiner bisher hier gemachten Aufnahmen. Ein Blick nach draußen zeigte mir eine Landschaft, die eher in die Weihnachtszeit als in einen Maifrühling passte, und dass es besser war, im Warmen zu bleiben, als draußen auf Erkundigungen zu gehen. Nachdem ich lange Zeit keinen Anschluss an ein Telefonnetz bekommen konnte, gelang es mir schließlich doch, am Abend meine Frau anzurufen, mich nach dem Befinden zuhause zu erkundigen und und ihr von meinen bisherigen Erlebnissen zu berichten. Danach zog ich mich zu einem gemütlichen Dämmerschoppen auf die warme Ofenbank zurück, dabei völlig ignorierend, dass das Thermometer draußen exakt bei null Grad Celsius stand.

Minus vier Grad Celsius waren es am nächsten Morgen. In der Nacht war noch mehr Schnee gefallen, der das Bild der Winterlandschaft draußen noch verstärkte. Es war kaum zu fassen. Immerhin schrieb man den einunddreißigsten Mai. Um dieses fast unglaubliche Phänomen zu dokumentieren, ging ich hinaus und schrieb das Datum des heutigen Tages tief in den Schnee, der dick auf dem Sitzgruppentisch beim Brunnen lag.

Ringsherum herrschte dazu dicker Nebel. Der Schneefall ging im Laufe des Vormittags zuerst in einen leichten und später in einen Dauerregen über, der anfing, zumindest auf unserer Höhe die in dieser Jahreszeit ungeliebte weiße Pracht wieder abzuwaschen. Von den Wolken verdeckt, blieb es aber mit Sicherheit im Hochgebirge weiterhin bei starkem Schneetreiben. Wieder war ich einen Tag lang in das Innere der Hütte verbannt.

Schnee lag am ersten Junitag nicht mehr auf dem Tisch der Sitzgruppe, dafür war darauf das Schmelzwasser bei minus 5 Grad Celsius gefroren, sodass ich das Datum diesmal in Eis geritzt, festhalten konnte.

Dafür herrschte jetzt aber herrliches Wetter. Wolken und Nebel waren verschwunden. Die Sonne schien. Der Himmel war blau, und die Bergwelt erstrahlte in leuchtendem Weiß.

So sehr ich mich auch über den Wetterumschwung freute, und mich kaum am Anblick des dargebotenen Bergpanoramas sattsehen konnte, umso mehr bereitete mir die weiße Schneepracht aber auch die Sorge, ob es denn bei der Masse des gefallenen Schnees überhaupt noch möglich wäre, mein zweites angestrebtes Ziel, nämlich einen Aufenthalt in der Bilitz-Hütte, zu verwirklichen. Noch bevor ich Heimo darüber befragen konnte, wurde mir klar, dass ein Aufstieg dorthin bei dieser Schneelage erstens nicht ganz ungefährlich und zweitens für mich schon gar nicht realistisch wäre. Somit war das Thema Bilitz-Hütte bereits abgehakt. Sollte ich wegen des vielen Schnees nun auch auf den zweiten Teil meines Vorhabens, das Fotografieren blühender Bergblumen, ebenfalls verzichten müssen? Ich wusste es nicht und wandte mich deshalb ganz dem mir ja verbleibenden Hüttenleben und der Wildbeobachtung zu, die bei dem jetzigen Schönwetter zudem viel guten Anblick versprach.

Und so war es dann auch. Ich freute mich zunächst an dem schönen satten Grün, das die Natur auf der Höhenlage um die Hütte herum nun nach dem Abtauen des Schnees wieder bekleidete. Dazu hatten auch die Singvögel längst bemerkt, dass es mittlerweile Frühling geworden war. Ihr vielfältiges Pfeifen und Singen erfüllte die Luft. Da sie sich dabei oft im Tannengrün versteckt hielten, war es für mich nicht ganz einfach, die einzelnen Sänger zu identifizieren. Ganz leicht machte es mit aber der kleinste und unf trotzdem lauteste Geselle unter ihnen, der Zaunkönig. Er saß bei meinem nächsten Ansitz, ohne mich zu bemerken, nur ein paar Armlängen von mir entfernt auf der Spitze einer Fichte und schmetterte sein Frühlingslied laut in die Welt hinaus. Ähnlich erbrachte eine Alpenbraunelle, die Verwandte unserer heimischen etwas kleineren Heckenbraunelle, mit ihrem Zwitschern und Trillern ihren Beitrag zum allgemeinen Frühlingskonzert der Vögel.

Das Superwetter mit strahlend blauen Himmel hielt indes an, auch wenn die Temperaturen morgens noch immer im Minusbereich lagen und auch tagsüber nur geringfügig darüber hinaus anstiegen. Mit jetzt klarer Sicht bescherte es mir ausgezeichnete Bedingungen zum Beobachten des Wildes. Regelmäßig zogen Gämsen und Hirsche auf ihren Wechseln und Äsungsflächen in den hochgelegenen Bergrevieren ihrer Wege. Meine Begeisterung für sie wuchs von Tag zu Tag. Eine meiner Observationen verdiente dabei eine ganz besondere Erwähnung, den sie stellte für mich ein absolutes Highlight dar. Ich saß an einem Morgen wieder in dem Beobachtungsstand an der Kurve und hatte bereits schon einige Zeit einem Stück Kahlwild auf der Lichtung gegenüber beim Äsen zugesehen, als ich plötzlich eine Bewegung am rechten Rand meines Blickfelds wahrnahm. Auf einem großen Felsblock, der gar nicht so weit von mir entfernt aus dem Bergwald heraus ragte, bewegten sich Tiere. Auch ohne Glas erkannte ich zwei Gämsen, die der hohe Schnee bei der Futtersuche wohl aus der höheren Bergregion hier hinunter in den Wald getrieben hatte. Es schien so, als handele es sich um einen Bock und eine Geiß. Bei näherem, durch das Fernglas verstärktem Hinsehen sah ich etwas, das meinen Puls vor Freude schlagartig schneller pochen ließ. Zwischen den Beinen der Geiß bewegte sich ein kleines Kitz.

So nahe hatte ich Gämsen in freier Wildbahn noch nie gesehen, zumal nicht als eine komplette Familie, wobei jedoch anzumerken ist, dass der Bock bestimmt nicht der Vater des Kleinen sein konnte. Die Geiß hätte einen fremden männlichen Artgenossen jetzt, da sie so ein junges Kitz führte, nicht in ihrer Nähe geduldet. Somit musste es sich bei diesem Bock auch um einen Nachwuchs derselben Geiß handeln, wahrscheinlich um ihr nun fast erwachsenes Junges vom vergangenen Jahr. Es war herzerwärmend zu sehen, wie das Muttertier dem Kleinen auf Schritt und Tritt fürsorglich folgte und es davon abhielt, allzu riskante Klettertouren zu wagen.
Am nächsten Tag machte ich mich auf zu einer kleinen Wanderung den Berg hinauf. Unterwegs kam ich an einer Stelle vorbei, wo im Winter eine Lawine eine breite Schneise der Verwüstung in die Landschaft gerissen hatte.

Und gerade hier, wo ich sie inmitten all des zerstörerischen Chaos beinahe übersehen hätte, traf ich die an, auf die ich gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, die ersten blühenden Boten des Bergfrühlings. In den Farben weiß und violett leuchteten Krokusse aus dem Wirrwarr zerbrochener Zweige und Äste heraus.

Wenige Schritte weiter oben, da, wo bis vor kurzem noch Schnee gelegen hatte, fand ich die dann auch andern Frühlingsboten: das zierliche Alpenglöckchen, den gelben Petersbart, die große weiße Frühlingsanemone und auch den breitblättrigen blauen Enzian. Ich war überwältigt, besonders, weil ich nach all den kalten und unfreundlichen Tagen nun wirklich nicht mehr damit gerechnet hatte. Aber welch eine Pracht tat sich da vor mir auf!

Noch etwas ganz Besonderes fand ich einen Tag später. Wolfgang hatte mir unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit die Fundstelle dazu verraten hatte. Niemand, noch nicht einmal Heimo, sein Freund und Jagdkamerad, sollte davon erfahren. Ich schwor es ihm und war hocherfreut, als ich dann vor dem stand, von dem ich zuvor noch nicht einmal gewusst hatte, das es ihn überhaupt gibt, dem weißen Enzian.

Im Kärntner Volksglauben geht die Sage, dass unter den Stellen, an denen weißer Enzian blüht, ein Schatz verborgen liege. Nun, einen solchen Schatz hatte ich weder suchen noch finden wollen, fühlte mich aber dennoch überreich beschenkt, beschenkt, durch das herrliche Hüttenerleben, die wundervollen Anblicke der Tierwelt dieses Bergreviers, die reiche Fülle der bunt blühenden Alpenblumen und nicht zuletzt durch die Ansicht der prachtvollen, gewaltigen Bergpanoramen um mich herum.

Und so nahm ich denn mit dankesvollem Herzen Abschied von der Hütte, meinen Freunden und vom Lärcha.

Ende


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10 – Im Lärcha

Die Hüttenaufenthalte, die ich im Bergrevier Lärcha verbringen durfte, hatten für mich den besonderen Reiz, dass ich dabei teilweise ganz allein war. Zu verdanken hatte ich diese Gelegenheiten vor allem meinem Freund Heimo. Heimo war Wirt in der Gasstätte, in der wir schon seit Jahrzehnten während unserer Urlaube in Kärnten zu essen pflegten. Er war zudem Fliegenfischer und Jäger, und wir hatten schon manche Stunden am Fischwasser oder im Waldrevier miteinander verbracht. Im Laufe der Zeit war daraus eine liebe Freundschaft geworden.

Eines Tages lud Heimo mich ein, in das Revier und zur Hütte eines befreundeten Jagdpächters zu fahren, der schon seit Jahrzehnten das Jagdrecht eines Bergreviers in einem Seitental der Möll besaß. Georg, wie er hieß, hatte als vermögender Fabrikant vor mehr als vierzig Jahren der Gemeinde am Fuß des Tales die finanziellen Mittel zum Bau eines Fahrwegs zugewandt, der durch den Wald und am Bachlauf hinauf bis auf eine Höhe von über siebzehnhundert Metern führen sollte. Dort ließ er an einer geeigneten Stelle eine Jagdhütte bauen. Da seine Ehefrau die Absicht hatte, ihn ab und zu auf seinen Jagdausflügen zu begleiten, und darauf drängte, auch bei längeren Aufenthalten nicht auf die gewohnte häusliche Bequemlichkeit verzichten zu müssen, entstand hier ein geräumiges kleines Holzhaus mit einem Wohnraum, zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Bad. Dank des an der Hütte vorbei rauschenden Baches war der Wasseranschluss kein Problem. Gas und Petroleum, später dann eine Fotovoltaikanlage, sorgten für die Beleuchtung. An diese Jagdhütte heran wurde baugleich eine zweite angeschlossen, die der Unterbringung möglicher Jagdgäste dienen sollte. Ein großer Holzschuppen, eine in den Fels gehauene Kühlkammer, ein Brunnen mit Holztrog, Tisch und Bänke auf der Wiese davor, sowie eine stilvolle, zur Besinnung einladende, kleine Hubertus-Kapelle nächst dem Eingang des Geländes vervollständigten das Gesamtkonzept der Hüttenanlage. Das Kapellchen war stets der
Startpunkt, von dem aus Georg über vierzig Jahre hinweg zu seinen
Jagd- und Pirschgängen aufgebrochen war.



Hier hinauf fuhr ich nun zusammen mit Heimo in Georgs kleinem, geländegängigen Jagdwagen, der immer am Anfang des Waldwegs für die Fahrt ins Bergrevier bereit stand. Mit zunehmendem Alter mühte sich Georg nur noch selten selbst den kurvenreichen Weg zur Hütte hinauf. Das überließ er gerne dem Jüngeren, auf dessen Hilfe er auch sonst mehr und mehr angewiesen war. Als Gegenleistung hatte er Heimo reichlich Freiheiten hinsichtlich der Jagd und der Betreuung des Reviers eingeräumt. Umsichtig steuerte jener nun den kleinen Wagen um die stets ansteigenden Kurven und Kehren auf der schmalen Fahrschneise den bewaldeten Berghang hinauf. Nach gut viertelstündiger Fahrt sahen wir dann den Dachfirst der Hütte am gegenüberliegenden Hang aus den Lärchenwipfeln hervorlugen. Noch eine kleine Linkskurve und dann mitten durch einen seichten Bachlauf, und wir waren da. Georg, ein freundlicher, älterer Herr in Jagdkleidung, begrüßte uns in Begleitung seiner Gattin sehr feundlich und hieß uns herzlich auf seinem Hüttengelände willkommen. Irgendwie waren wir uns von Anfang an sympathisch, und während er nächsten Stunden, die wir plaudernd bei Kaffee und Kuchen und später bei einem Glas Wein verbrachten, verstärkte sich das Gefühl der gegenseitigen Zuneigung noch mehr. Unsere Gespräche drehten sich natürlich um die Jagd und die Natur, und als plötzlich weit oben am Himmel die Silhouette eines Steinadlers sichtbar wurde, kannte unser beidseitiger Enthusiasmus für diesen seltenen Anblick keine Grenzen. Verwandte Seelen hatten sich gefunden. Als wir uns dann gegen Abend schließlich voneinander verabschiedeten, musste ich Georg die feste Zusage geben, ihn ja wieder hier zu besuchen.

Es kam dann auch in den folgenden Jahren ein oder zweimal zu solchen Besuchen in seinem herrlichen Bergrevier, und auch in Heimos Gaststätte trafen wir uns das eine oder andere Mal beim Essen. Georg aß gerne frisch aus der Möll gefangene Äschen, aber nur nicht die großen, denn, wie er sagte, große Mengen könne er nicht mehr zu sich nehmen. Deshalb war es mir eine Freude, ihm ab und zu zwei kleinere und eigentlich untermaßige Äschen zu bringen, Fische, die für den Fischereiaufseher natürlich die falsche, für Georgs kleineren Appetit aber die richtige Größe hatten. Auch dadurch bewahrheitete sich auch zwischen uns wieder einmal der Spruch, dass kleine Geschenke die Freundschaft erhalten.

Umso härter traf mich eines Tages die Nachricht, dass Georg gestorben sei. In meine Trauer um den lieben, älteren Freund mischte sich zugleich der schmerzliche Gedanke, nun keinen Zugang mehr zu der Hütte und der herrlichen Berglandschaft des Lärcha zu haben. Indes sollte mein Kummer darüber nicht allzu lange dauern. Kurze Zeit später nur erfuhr ich von Heimo, dass es ihm gelungen war, das Jagdrevier zusammen mit seinem Schwager für die nächsten neun Jahre zu pachten. Somit blieb auch für mich die Möglichkeit erhalten, wieder ins Bergrevier kommen zu können, und eine solche ergab sich bald.

Als Rückwand für eine Schauvitrine mit präparierten Fischen und Vögeln, die Heimo in seinem Restaurant als Wandschmuck aufhängen wollte, sollte ich ihm ein Bild von einem kleinen Bergsee malen, zu dem wir früher ab und zum Fischen hinaufgestiegen waren. Gerne kam ich dieser Bitte nach und erstellte mit Pastellkreide während dreier Arbeitstage das mehr als einen Quadratmeter große Bild. Als Heimo seiner Freude und Zufriedenheit darüber mit einem angemessenen Geldbetrag Ausdruck verleihen wollte, verblüffte ich ihn mit der Aussage, dass ich gar kein Geld von ihm wolle. Stattdessen fragte ich ihn, ob ich nicht dafür ein paar Tage Urlaub in der Jagdhütte im Lärcha machen dürfte. Heimo erklärte sich sofort damit einverstanden, fügte aber hinzu, dass dazu auch die Einwilligung seines Schwagers Wolfgang, der ja ebenfalls Pächter des Reviers war, nötig sei. Aber auch der hatte nichts dagegen, und dem Abenteuer Jagdhütte stand somit nichts mehr im Wege.

Im Spätsommer des folgenden Jahres kam ich nach elfstündiger Zugfahrt mit reichlich Gepäck am Bahnhof in Mallnitz an, wo mich Heimo, Autofan und Oldtimer-Liebhaber, in einem offenen Jeep, Baujahr 1948, abholte. In luftiger Fahrt ging es den Berg hinunter, bis wir an einem Supermarkt anhielten, wo ich mir anhand einer zuvor schon im Zug geschriebenen Checkliste den Proviant für die nächsten eineinhalb Wochen besorgte. Nachdem ich mich dann in Heimos Restaurant mit einer kräftigen, von seiner Frau hervorragend gekochten, Knödelsuppe gestärkt hatte, besprachen wir, was es während meines Aufenthalts auf der Hütte zu beachten gab. Mit allen notwendigen Informationen zur Hüttenbenutzung und Ratschlägen zu Vorsichtsmaßnahmen versehen, fuhr er mich dann den mir mittlerweile schon vertrauten Weg am Lamnitzgraben entlang hinauf ins Lärcha. Oben angekommen musste ich zuerst einmal innehalten und meinen Blick über die Bergwelt um mich herum schweifen lassen, über den Lärchenwald hinauf zu den grünen Matten und schließlich hin zu den felsigen Bastionen der Gipfelregion. Herrlich, dieser Anblick!



Nun aber ging es ans Ausladen und Einrichten. Meinen Fotorucksack, Fernglas, Spektiv und Stativ ließ ich gleich draußen auf dem Tisch zurück, der in einer Nische vor der Eingangstür, umgeben von einer kleinen Eckbank, unter dem Fenster eines der Schlafräume stand. Ich hatte vor, noch am selben Abend  die umliegenden Berghänge nach eventuell dort äsendem Wild abzusuchen. Mein Gepäck stellte ich in einem der Schlafräume ab. Die Lebensmittel kamen in die Küche, und alles, was davon kalt aufgehoben werden musste, brachte ich in den kleinen Kühlraum, der neben der Hütte in den Fels gehauen worden war und mit Aluminium beschlagenen Doppeltüren dafür sorgte, dass die notwenige Kälte erhalten blieb. Heimo erklärte mir die Bedienung der Geräte in Küche und Bad sowie die Handhabung der Gas-, Wasser- und Stromanschlüsse. Einen im Holzschuppen liegenden großen Haufen Brennholz hatte er freundlicherweise schon Tage zuvor für mich gespalten, da es, obwohl es Ende August ja noch Sommer war, in dieser Höhe abends und nachts bereits empfindlich kalt würde. Aus diesem Grund hatte er auch schon den großen Kachelofen im Wohnraum mit Holz bestückt, der nach dem Anzünden die ganze Nacht hindurch brennen und bis weit in den Tag hinein für angenehme Wärme sorgen sollte. Eindrücklich wies Heimo mich darauf hin, wie der Ofen nach dem Entleeren der Asche wieder neu mit Holz gefüllt und angezündet werden musste, damit er ordnungsgemäß heizen könne. Bevor mein fürsorglicher Freund abfuhr, übergab er mir noch den Hüttenschlüssel und zeigte mir die Stelle, an der er normalerweise versteckt lag. Mit guten Wünschen für meine erste Nacht im Lärcha und dem Hinweis, dass er morgen vormittag noch einmal zu mir herauf käme, ließ er den Motor seines Jeeps an und verschwand laut knatternd im stillen Bergwald.

Eigentlich hätte ich nun weiter auspacken und mich in der Hütte einrichten sollen, aber es reizte mich zu sehr, zuerst einmal auszuspähen, ob es auf den Hängen oder im Bergwald gegenüber Wild zu sehen gäbe. Da eine erste Suche mit dem Fernglas ergebnislos verlief, montierte ich schnell das Spektiv auf sein Stativ und richtete es erwartungsvoll auf die hohen Matten unterhalb der Gipfel. Nach einer Weile des Suchens entdeckte ich plötzlich Bewegung in der Felsregion. In einer grünen, von großen Felsen umrandeten Senke zeichneten sich kleine bräunliche Wesen ab, die mit Unterbrechungen langsam dahinzogen: Gämsen, wie eine vergrößernde Ansicht des Spektivs zweifellos bewies. Ich zählte insgesamt sieben Tiere, und mein Herz schlug höher ob der Tatsache, dass mir schon beim ersten Versuch ein solch schöner Anblick beschert wurde. Auf der Zugfahrt hatte ich mich manchmal über das Gewicht von Stativ und Spektiv geärgert und mich gefragt, ob deren Mitnahme überhaupt nötig gewesen wäre. Nun aber musste ich einsehen, dass sie bereits jetzt schon mehr als berechtigt war.



Als die ersten blauen Schatten über die Hänge krochen, und es deutlich kühler wurde, zog ich mich in die Wärme der Hütte zurück und machte mich, nachdem ich noch kurz per Handy zu Hause angerufen hatte, fertig für die Nacht. Es war ein langer Tag mit vielfältigen Eindrücken und Erlebnissen gewesen, sodass ich, kaum im Bett, auch sofort einschlief.

Lautes Klingeln weckte mich am Morgen. Der Wecker zeigte fünf vor halb sechs und das Thermometer sechs Grad Celsius. Noch im Schlafanzug und ein wenig fröstelnd lief ich hinaus und äugte durch das Spektiv. Diesmal sah ich nur zwei Gämsen, dafür aber in einer kleinen Waldlichtung etwas unterhalb eine Rehgeiß, die ein Kitz mit sich führte, beide in ihrem rot leuchtenden Sommerkleid. Zu meiner großen Freude konnte ich zudem sehen, wie das Kitz gesäugt wurde. Wieder ein seltener, beglückender Anblick!

Als ich nach dem Frühstück hörte, wie das Motorengeräusch von Heimos Jeep immer lauter wurde, lief ich schnell hinaus, um ihm sofort von meinen bisherigen Beobachtungen zu berichten. Mit einem etwas nachsichtigen Lächeln über meine so offen zur Schau getragene Begeisterung, meinte er, dass dies ja nur der Anfang von noch viel interessanteren Tierbegegnungen wäre, die hier auf mich warteten, und das. wie er hinzufügte, sogar ziemlich bald. Ich solle mir nur mein Fernglas umhängen und ihm folgen. Mit diesen Worten drückte er mir einen gut zwei Meter langen kräftigen Haselnusstab mit einer Eisenspitze am unteren Ende in die Hand, so wie ihn Jäger, Hirten und Berggeher hier seit alters her zu benutzen pflegten, und stiefelte davon.

Unterhalb der Hütte verlief ein breiter, fast ebener Weg in Richtung einer großen Schneise, die sich, tief unten vom Tal her kommend, als offenes, nahezu baumfreies Gelände bis hinauf in die Felsregionen zog. Unser Weg führte direkt auf sie zu und sie dann überquerend in den gegenüber liegenden Wald hinein. Kurz vor Erreichen der Lichtung bog Heimo aber unvermittelt nach rechts ab und begann, den steilen mit Gestrüpp bewachsenen Hang hinauf zu steigen. Mühsam folgte ich ihm, mit der rechten Hand auf den Stab gestützt und mich, mit der linken immer wieder an Zweigen und dünnen Ästen  haltend und ziehend, nach. Während dieses anstrengenden Steigens kam mir mit einem Malr recht deutlich zu Bewusstsein, dass meine körperliche Fitness längst nicht dem Zustand entsprach, den ich mir aufgrund monatelanger Konditionsübungen im Sportstudio vorgestellt hatte. Schwitzend und schnaufend erreichte ich schließlich den mir mühelos voran gestiegenen Gefährten. Wir standen hier vor einer Holzkonstruktion von nahezu monströsen Ausmaßen. Zwischen den Stämmen zweier nicht allzu weit voneinander wachsenden Baumriesen war in etlichen Metern Höhe eine stabile Holzbrücke angebracht, die nach unten von starkem Gebälk abgestützt war und zu der nach oben eine ebenfalls sehr stabile Sprossenleiter führte. Über diese mit einem Geländer gesicherte Verbindung der beiden Bäume gelangte man zu einer weiteren Leiter und auf ihr dann, den starken Stamm hinauf, zu einer hölzernen, noch zusätzlich am nächsten Baum befestigten, Plattform, auf der schließlich  eine geräumige Beobachtungshütte ruhte. Von ihr aus konnte man ungehindert die ganze Länge und Breite der Waldschneise einsehen., sodass sich, wie von der Loge eines Theaters aus,  hier betrachten ließ, was sich auf der Natur- und Wildbühne vor und unter einem abspielte. Ein idealer Platz natürlich auch für meine Foto- und Filmabsichten. Die Sache hatte nur einen Haken. Der Einlass zu dieser Beobachtungskanzel war eine Lücke zwischen den beiden Stämmen, die sie hielten. Diese war aber so eng, dass Heimo, von schlankem Wuchs,  zwar mühelos durch sie hinein schlüpfen konnte, ich aber, selbst mit eingezogenem Bauch, hier einfach nicht hindurch passte. Mit Bedauern musste ich feststellen, dass mir diese optimale Gelegenheit zur Wildbeobachtung versagt bleiben würde.



Als Alternative dazu bot sich mir jetzt nur noch jener Beobachtungsstand an, den wir auf der Hinfahrt zur Jagdhütte in einer Kurve des Fahrweges ein gutes Stück unterhalb von ihr gesehen hatten. Das war zwar schade, aber besser als gar nichts. Auf dem Rückweg zeigte mir Heimo noch eine große, fast scheunenartige Futterraufe, die er und Wolfgang zur
Wildfütterung im Winter aufgebaut hatten. Zurück bei der Hütte
verabschiedete er sich dann nach einer gemeinsamen Jause, einem
Frühstück mit selbstgemachten Landjägern aus Hirschfleisch, und
dem Hinweis, dass er wohl in den nächsten beiden Tagen nicht zu mir heraufkommen könne. So unrecht war mir das nicht, wollte ich doch, soweit als möglich, hier allein sein und die Einsamkeit der Hütte genießen.

Noch immer ein wenig mit der Enttäuschung darüber kämpfend, dass ich den idealen Platz zum Filmen und Fotografieren nicht benutzen konnte, richtete ich das Spektiv am Nachmittag auf die   Matten und Geröllhalden am linken Bergmassiv. Mit aufflammender Freude entdeckte ich sofort einen starken Gamsbock, der dort in einer kleinen Senke wiederkäuend lag. Die sechzigfache Vergrößerung des Objektivs zeigte in mir klar und deutlich. Nur mit dem Fernglas, geschweige denn mit bloßem Auge, hätte ich ihn nie entdeckt. Und so war ich wieder einmal froh, das Gerät trotz seiner Schwere und seiner sperrigen Ausmaße mitgenommen zu haben. Nach einer geraumen Weile sah ich, wie der Bock sich erhob und äsend weiter zog. Und da, vier, fünf, nein, sieben Gämsen folgen ihm nach! Was für ein großartiges Naturschauspiel!



Und es sollte nicht das Letzte dieser Art für heute gewesen sein! Heimo hatte mir gesagt, dass direkt gegenüber der Hütte auf einer kleinen Lichtung im hohen Bergwald eine Salzleck-Stelle auf einem abgebrochenen Baumstumpf eingerichtet war, die vom Wild, Hirsch und Gams, gerne angenommen würde. Mit Fernglas und Spektiv fand ich nach einigem Suchen auch jene Stelle und war gespannt, was sich dort tun würde. Zunächst ereignete sich nichts. Aber gegen Abend sah ich, wie ein rötlicher Fleck sich dort bewegte, der sich bei näherer Betrachtung als eine Ricke herausstellte, die eifrig vom Salzangebot Gebrauch machte. Nachdem ich das Objektiv ein wenig vom Reh weg nach rechts unten auf eine dortige
Schotterstrecke gedreht hatte, gewahrte ich, zwei Gämsen die da gemächlich hindurchzogen. Als es langsam dunkler und die Sicht schlechter wurde, beendete ich, hocherfreut über den offensichtlich reichen Wildbestand dieses Reviers, meine Beobachtungen für diesen Tag.

Am gestrigen Abend war ich viel zu müde gewesen, um mich richtig im Innern der Hütte umzusehen und mich den Eindrücken und Empfindungen hinzugeben, die sie auf mich machte. Nun, nach einem kräftigen Abendessen – es gab Nudeln mit Gulasch aus der Dose, angereichert mit einer Handvoll Pfifferlingen, die ich am Morgen im Wald gefunden hatte- – konnte ich, gemütlich auf der Ofenbank sitzend, den Rücken an den warmen Kachelofen gelehnt, das Interieur und die Atmosphäre des Hüttenraumes in Ruhe auf mich einwirken lassen. Ich hatte das Licht eingeschaltet, das dank der Fotovoltaikanlage in drei elektrischen Christbaumkerzen auf einem aus Geweihstangen konstruierten Kronleuchter aufleuchtete, der über dem großen Wohnzimmertisch hing und den Raum samt seiner Einrichtung in ein warmes Licht tauchte. Der Tisch war umgeben von einer grün gepolsterten Eckbank und zwei ebensolchen Stühlen, sodass hier für eine mehrköpfige Gästegruppe
und natürlich erst recht für eine Einzelperson wie mich reichlich Platz war. Die braune Holzwand an der linken Stirnseite war mit Bildern und Landkarten bedeckt. Jagdtrophäen, wie Hirschgeweihe und Gehörn von Reh und Gams, zierten die große Längswand. In der rechten Ecke, dicht neben dem großen Fenster entdeckte ich eine kleine, mit Blumen geschmückte Marienstatue samt diversen Devotionalien. Ein darunter neben einer Kerze stehender Bilderrahmen ließ mich neugierig werden. Als ich ihn in die Hand nahm, erkannte ich, dass es sich um die vergrößerte Todesanzeige von Georg Fasl handelte. Ein schwarzes Band war durch die obere rechte Ecke gezogen, und am linken Rand darunter stand handschriftlich hinzugefügt: „40 Jahre Jagdpächter im Lärcha“. Andächtig und ein bißchen wehmütig in Gedanken an all das, was wir miteinander erlebt hatten, las ich den Text der Anzeige und sah auf dem Foto dem lieben, ehrenwerten alten Herrn noch einmal dankbar in die Augen.



Neben dem großen Kachelofen stand ein alter Küchenherd, den man wie ehedem mit Holz und Kohlen befeuerte. Direkt daneben lagen die beiden Schlafräume, von denen ich den größeren wegen seines breiten Ehebettes als Schlafplatz ausgewählt hatte. Der Kleinere war bedeutend enger und wie nur ein Stockbett auf. Rechtwinklig davon ging es in die voll ausgestattete Küche und ,an einer mit Flaschen reich bestückten Hausbar vorbei, in einen Gang, der zu einer Vorratskammer, einem weiteren Raum mit den Geräten und Installationen für die Strom- und Wasserversorgung und schließlich zu einem kleinen Bad mit Waschbecken, Toilette und Duschkabine führte. Hier gab es sogar dank eines Gas-Boilers, so wie auch schon in der Küche, heißes Wasser. Die gesamte Einrichtung erinnerte somit eher an eine Wohnung von Zuhause als an eine nur einfach ausgestattete Berghütte. Einerseits störte dieser Gedanke meine Vorstellung von Hüttenromantik ein wenig, andererseits aber war ich, ehrlich gesagt froh, all diese Annehmlichkeiten nutzen zu können.

Immer noch bequem auf der warmen Ofenbank sitzend, überdachte ich die Tage, die nun auf der Hütte vor mir lagen. Schon jetzt spürte ich die Einsamkeit um mich herum, die absolute Stille, die nur vom ständigen Rauschen des Baches und dem leisen Plätschern des  Wasserstrahls am Holzbrunnen unterbrochen wurde. Würde ich sie aushalten, mich sogar, wie jetzt noch, darüber freuen können oder würde mir der Kontakt zu anderen Menschen fehlen? Würde es mir allein mit Wildbeobachtung, Lesen und Hüttenleben nicht vielleicht doch zu langweilig werden? Mit solchen Gedanken ging ich noch einmal vor die Tür, lauschte in die Stille der Nacht hinaus, sah die Sterne am Himmel stehen, sog die kühle, würzige Luft tief in mich hinein und wusste plötzlich, hier konnte ich getrost zu Bett gehen. Der Bach würde mir das Schlaflied singen.

Der nächste Morgen begann mit einem kleinen Paukenschlag . Ich hatte gerade in aller Frühe die Hütte verlassen und den Bach, der gleich hinter der Hüttenausfahrt den Weg kreuzt, auf dem kleinen Steg balancierend, überquert, als mein Blick auf einen schwarzen kleinen Punkt am hellen Morgenhimmel fiel, der sich langsam auf die Berge zu bewegte. Sofort war das Fernglas zur Hand, und ja, es war, trotz der weiten Entfernung eindeutig zu erkennen, tatsächlich ein Steinadler, der da zielstrebig auf einen der Gipfel zusteuerte und sich schließlich auch auf ihm niederließ. Voller Freude wollte ich dieses Ereignis fotografisch festhalten, vergaß aber in meinem Eifer, dass dieser Vogel-Punkt im Endergebnis trotz größtmöglicher Zoom-Einstellung doch nur bei wirklich gutem Willen als Adler zu erkennen sein würde. Immerhin, ich hatte ihn gesehen, und das allein zählte.

Mein heutiges Ziel war jener Beobachtungsstand, den wir auf der Hinfahrt in einer Kehre am Rand des Fahrweges passiert hatten. In meiner Erinnerung war das nicht allzu weit von der Hütte weg gewesen, und so schritt ich, den mir zugedachten Wanderstecken in der Hand, zügig den Hang hinunter. Vor jeder Kurve war mir, als müsse der Beobachtungsstand gleich dahinter erscheinen. Als dies  aber immer und immer noch nicht der Fall war, kam ich langsam durch das Laufen und auch aufgrund der schweren Foto- und Spektivausrüstung auf meinem Rücken ziemlich ins Schwitzen und war froh, als ich die kastenartige Beobachtungshütte endlich erreicht hatte.



Sie war verschlossen, aber man hatte mir ja den Schlüssel anvertraut. Und so öffnete ich die mit einem viereckig ausgesägten Guckloch versehene Brettertür, stellte mein sperriges Gepäck auf einem Felsblock davor ab und schlüpfte, nur mit den optischen Geräten bewaffnet, auf die schmale Bank, die an der Hüttenrückwand angebracht war. Durch die Frontseite hindurch boten zwei, für Ansitz und Schuss entfernbare, Glasfenster einen freien Blick auf die große Waldschneise, die wir am Vortag erreicht hatten. Sie war von hier aus in ihrer gesamten Länge einzusehen, nun allerdings einige hundert Meter entfernt. Durch das Glas konnte ich die große Futterraufe an ihrem Rand erkennen, während der mir versagt gebliebene hohe Ansitz im Gewirr des Tannengrüns nicht zu entdecken war.



Gespannt beobachtete ich das breite, zwischen den dunklen Tannenrändern hellgrün erscheinende Band, stets auf das Erscheinen von Wild, vor allem von Rotwild, hoffend.

So saß ich nun abwartend etwa eine Stunde lang. Es tat sich indes nichts, rein gar nichts. Nun, ich hatte ja Zeit und wollte nicht ungeduldig werden. Mit einem Male erschien am linken Rand meines Sichtfensters ein weißes Etwas, das von links unten aus dem Tal langsam aber sicher heraufzog. Nebel! Zuerst noch als zarte durchsichtige Wolke, dann immer mehr als kompakte schneeweiße Wand, legte er sich über Berg und Tal und nahm mir jegliche Sicht. Anfangs hoffte ich noch, der Wind würde ihn wieder vertreiben oder die Sonne könnte ihn durchbrechen, aber es war vergebens. Alles um mich herum war bald wie in Watte gepackt. So brach ich schließlich ab, suchte meine Sachen zusammen, verschloss die Tür wieder und tastete mich mit dem Wanderstock auf den Fahrweg zurück. Sehen konnte ich nur einige Meter weit, und selbst die nächsten Bäume am Wegesrand hoben sich nur silhouettenhaft vom alles umgebenden grau-weißen Einerlei ab.



Konzentriert darauf achtend, wohin ich trat, stieg ich die steile Fahrbahn bergan. Immer wieder musste ich kurz stehen bleiben, um meinen keuchenden Atem zu beruhigen. Als ich dabei zufällig einmal aufblickte, sah ich dicht über mir mehrere kleine, bunt funkelnde Diamanten aufstrahlen. Sie schienen an den Zipfeln eines blassgrünen Vorhangs zu hängen. Was war das ? Bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass es sich lediglich um einige kleine Tautropfen handelte, die an der Girlande einer Bartflechte von einem Ast über mir herabhingen und im Licht des nebelfeuchten Morgens wie Edelsteine blitzten. Aufmerksam geworden, entdeckte ich ähnlich schimmernde Tropfen auch an den Spitzen der Fichtenzweige.



Bei weiteren Verschnaufpausen fielen mir auf meinem Heimweg noch andere kleine Farbwunder auf. Tiefdunkelblau und, von Feuchtigkeit hell glänzend, leuchtete die Heidelbeere aus dem Grün ihres Blattwerks heraus, blutrot die Preißel- und die Himbeere. Samtbraun bis hellgelb reckten Pilze verschiedenster Art ihre niedrigen Fruchtkörper aus dem Moos. Plötzlich erschienen vor meinen Augen Blumen und Pflanzen, an denen ich beim raschen Abwärtsgehen einfach achtlos vorbei gegangen war. Da waren die frühe Blüte einer Erika-Rispe, kleine, bärtige Glockenblumen, hellgrüner Sauerklee und weiß leuchtende Silberdisteln, Moos, das sich gelblich-grün bis blutrot gefärbt großflächig wie ein Teppich über Fels und Gestein ausbreitete. Welch eine Pracht von Farben im Kleinen! Zwar hatte der Nebel mir die Fernsicht genommen, mir  dafür aber sehende Augen für das Nächstliegende geschenkt.

Der Nebel hielt auch während der kommenden Stunden an. Ich zog mich in Hütte zurück, die vom Einheizen am Abend zuvor noch angenehm warm war, und gönnte mir mit einem Reindling, einer speziell Kärntnerischen Kuchenart, die Heimos Frau für mich gebacken hatte, ein ausgiebiges Frühstück.

Von draußen drang dabei mehrmals das langgezogene, laut schnarrende Krrrrääh, krrrrrräh eines Tannenhähers an mein Ohr. Auch wenn es diese krächzende Stimme nicht unbedingt vermuten läßt, gehört der Tannenhäher doch zu den Singvögeln. Er ist dunkelbraun mit weiß gesprenkeltem Gefieder und etwa so groß wie der Eichelhäher. Er lebt bevorzugt in gebirgigen Nadelwäldern, in denen Zirbelkiefern reichlich vorkommen. Denn seine Lieblingsnahrung sind die Samen der Zirbelkiefer, die
sogenannten Zirbelnüsse, die er mit Hilfe seines kräftigen, spitzen
Schnabels von den Zweigen abknipst. Deshalb müsste er eigentlich auch nicht Tannen-, sondern besser Zirbelhäher, heißen. Da er weit mehr Zirbelsamen erntet, als er verzehren kann, legt er den Überschuss im Waldboden in Verstecken an, die er dann aber oft wieder vergisst, womit er ungewollt aber wesentlich zur Verbreitung der Zirbelkiefer im Bergwald beiträgt.

Schon oft hatte ich versucht, den bei uns nicht vorkommenden Häher zu filmen oder zu fotografieren. Jedes Mal aber war er scheu vor meiner Kamera geflohen. Als jetzt ein Tannenhäher direkt vor der Hütte auf der Spitze eines Baumes saß, versuchte ich es im Schutze des Nebels erneut.Diese Mal gelang es mir, die ersehnten Aufnahmen zu machen. Allerdings waren sie so gut wie nicht brauchbar, denn sämtliche zeigten später den Vogel nur als
schwärzliche Silhouette vor einem neblig-grauem Hintergrund. Ein wenig mit der nicht so foto- und filmfreundlichen Natur draußen schmollend, trat ich wieder den Rückzug in die Hütte an.



Mein Tagebuch mit den Eintragungen über das hier bisher Erlebte musste sowieso ergänzt werden, und außerdem hatte ich mir für solche Gelegenheiten ein ganz anderes Tagebuch als Lesestoff mitgenommen. Es war das 1979 in den Wäldern Nordkanadas entstandene Blockhüttentagebuch von Rainer Höh. Obgleich mein jetziges, völlig gefahrloses und fast schon luxuriös zu nennendes Hüttendasein in keinster Weise mit dem an Gefahren und Entbehrungen reichen Leben der Protagonisten dieses Buches zu vergleichen war, fühlte ich dennoch eine starke Verbundenheit mit ihnen. Vor allem begeisterte mich die Vorstellung eines freien Lebens in solch  wilder Natur. In Gedanken war ich bei ihnen, fuhr mit ihnen den Yukon hinab, schlief in ihrer Blockhütte, ging mit ihnen auf Elchjagd, zitterte vor dem möglichen Angriff eines im Gebüsch überraschten Grizzlies, freute mich an den bunten Farben des Indian Summers und saß mit ihnen abends zusammen am Lagerfeuer.

In die Lektüre des Büchleins vertieft und in den dadurch aufkommenden Sehnsüchten schwelgend, war mir gar nicht bewusst geworden, dass sich die Wetterlage draußen gebessert hatte.  Ein Blick durch das Fenster zeigte, wie der Wind langsam die Wolken und Nebelschwaden zerriss und vereinzelte Bergspitzen wieder hervortreten ließ. Im Nu verließ ich meinen Platz in der Hütte und sah erfreut, dass die Gipfel und Hänge der Berge zur Linken bereits im vollen Sonnenlicht strahlten. Bald darauf strichen die Sonnenstrahlen auch über das Hüttengelände, und die ersten Insekten, Hummeln und Scheckenfalter, begannen, wenn auch noch etwas kältestarr, ihre Rundflüge über die Wiese. Auch ich genoss, mit geschlossenen Augen auf der Bank am Bach sitzend und seinem stetig rauschenden Lied lauschend, die angenehme Wärme. Als es mir dort dann allerdings  sogar langsam zu heiß wurde, trieb es mich in die Kühleder Hütte zurück, wo ich mir ein Essen zubereitete und mich anschließend der Ruhe eines Mittagsschlafes hingab.

Am frühen Abend, zur besten Beobachtungszeit, stand ich aber  wieder mit Fernglas und Spektiv bereit draußen. Mittlerweile konnte ich schon mit einiger Sicherheit voraussagen, was, wann und wo an Wild zu erwarten war. Gämsen wechselten gerne zum Äsen in die Abhänge und Halden des linken hohen Bergmassivs hinein, wie ich es ja schon am Abend zuvor beobachtet hatte. Und so sah ich auch jetzt wieder ihre hellbraunen Sommerfelldecken als kleine Flecken und Punkte im Grau und Grün der Felsen und Matten aufleuchten. Wieder waren es sieben an der Zahl. Der starke Bock schien dieses Mal nicht dabei zu sein. Eine knappe halbe Stunde später kam auch Leben in den Wildwechsel im Bergwald der Hütte schräg gegenüber. Zwei Gämsen, eine größere und eine etwas kleinere, wahrscheinlich ein Muttertier und das Kitz vom Vorjahr, überquerten, vorsichtig nach allen Seiten sichernd, das Geröllfeld. Wenig später labte sich noch eine weitere Gams  am dargebotenen Salzleck.

Trotz der Konzentration und Anspannung beim Beobachten überhörte ich nicht das leise Grollen eines nahenden Gewitters. Obwohl es noch weit weg zu sein schien, nahm ich dennoch meine Sachen und zog mich in die schützende Hütte zurück. In den Bergen, das wusste ich aus eigener Erfahrung, kann sich das Wetter sehr schnell ändern. Und so dauerte es auch nicht lange, bis ein heftiger Regenguss die Hütte erreichte. Da Blitz und Donner aber in beruhigender Ferne blieben, konnte ich mich ungestört in weitere Leseabenteuer des Hüttentagebuchs am Yukon stürzen.

Um fünf Uhr am nächsten Morgen klingelte mein Wecker, und um sechs saß ich bereits wieder im Beobachtungstand in der Kurve am Fahrweg. Erstaunlicherweise hatte mir der Weg hier herunter weder beim Laufen noch beim Atmen kaum noch Schwierigkeiten gemacht. War ich bereits schon besser akklimatisiert? Wie dem auch sei, heute wollte ich unbedingt Rotwild sehen. Da das Gamswild mit großer Sicherheit so gut wie immer in seinen gewohnten Einständen zu sehen war, hatte es für mich, nach gerade einmal knapp zwei Tagen schon, etwas vom Reiz des Besonderen eingebüßt. Undankbarer Weise gierte ich jetzt nach Spektakulärerem, wollte endlich Rothirsche sehen. Zunächst aber sah ich von meinem Platz aus trotz klarster Fernsicht an diesem Morgen einmal nichts. Ein Rotkehlchen erbarmte sich meiner, indem es sich nur etwa einen Meter weit von meinem Ausguck entfernt auf einem Tannenzweig niederließ und dort, ohne mich wahrzunehmen, begann, sein perlendes Morgenlied zu zwitschern. Deutlich zitterte und bebte dabei seine rot leuchtende kleine Federbrust.

Plötzlich aber tauchte auch in der Waldschneise mir gegenüber etwas Rötliches auf:  ein Hirsch! Endlich! Dem hellen Fell und der grazilen Gestalt nach zuurteilen, war es eher noch ein Jungtier, das da, äsend und immer wieder nach allen Seiten sichernd, die Schneise überquerte. Ich war unbeschreiblich froh, endlich einen Hirsch zu sehen, wenn auch nur einen jungen. Aber schon bald darauf traten mehrere  andere Hirsche, sogar ein kleines Rudel, aus der grün-schwärzlichen Fichtendickung und zogen zur Äsung in das helle Grün der Gräser und Stauden. Beim Anblick der vielen schönen Tiere spürte ich, wie mein Herz anfing, höher zu schlagen.



Die dunkle, braunschwarze Fellfarbe, die massigeren Körper  wiesen sie zweifelsfrei als adultes Kahlwild aus. Zwei heranwachsende Kälber waren auch dabei, und ich beobachtete, wie eine der Kühe immer wieder auf eines der jüngeren Tiere zu lief und es aus dem Rudel zu stoßen versuchte, was ihr nach wiederholten Versuchen dann schließlich auch gelang. Das Jungtier hielt sich nunmehr etwas abseits vom Rudel. Ich schloss daraus, dass es ein Muttertier war, das nun den nahezu erwachsen gewordenen Jährling von sich und in die Selbständigkeit hinein verstieß. Lange Zeit konnte ich mich nicht von dem wunderbaren Schauspiel lösen, das mir die Hirsche hier boten, wenn auch noch keine männlichen geweihtragenden Tiere unter ihnen waren. Der Hunger und die morgendliche Kälte trieben mich schließlich mit dem Gedanken an heiße Suppe und wohlige Wärme zur Hütte zurück.

Gegen mittag zogen Wolken auf, und im Nu waren die Berggipfel wieder hinter einer grauen Wolkenwand verschwunden. Es fing leicht an zu regnen, und ich bereitete mich innerlich gerade darauf vor, den Rest des Tages allein mit Lesen und Schreiben im gemütlichen Innern der Hütte zu verbringen, als plötzlich entferntes Motorengeräusch an mein Ohr drang. Ich eilte hinaus unter das schützende Vordach und wartete gespannt, wer da wohl kommen würde. Einerseits war mir der Gedanke an Besuch überhaupt nicht recht, unterbrach er doch die von mir
ausdrücklich gewünschte Hütteneinsamkeit. Andererseits freute mich aber die Aussicht auf die Begegnung und das Gespräch mit einem anderen Menschen, nachdem ich jetzt ja so viele Stunden bereits mit niemandem, außer einmal kurz am Handy mit meiner Frau, gesprochen hatte.

Es war ein mir fremder Wagen, der kurz darauf vor den
Schranken der Hüttenumzäunung anhielt. Ein großer, schlanker Mann in grüner Jagdkleidung stieg aus und kam, nachdem er die Torstangen entfernt und das restliche Stück zur Hütte vor gefahren war, freundlich lächelnd auf mich zu. Herzlich lachend und mir kräftig die Hand schüttelnd stellte er sich mir vor als Wolfgang, Heimos Schwager und Mitpächter der Jagd, vor. Wir hatten uns früher persönlich noch nicht gesehen, waren uns aber jetzt von Anfang an schon sympathisch. Schnell holte er einen großen Rucksack und eine Gewehrtasche aus dem Auto und eilte mit mir in die Hütte, bevor wir allzu nass wurden. Trotz des momentan schlechten Wetters hatte er vor, heute noch auf die Jagd zu gehen, denn es würde bald wieder besser werden, wie er meinte. Bei einer Tasse Tee saßen wir derweil beieinander und erzählten uns gegenseitig aus unserem Leben. Wolfgang arbeitete im Tunnelbau und war froh, dem Lärm, dem Staub, der teilweise Dunkelheit und der schlechten Luft unter Tage, denen er in seinen Wochenschichten ausgesetzt war, wieder einmal für ein paar Tage entronnen zu sein. Umso mehr liebte er die grünen Wälder, die weiß strahlenden Schneegipfel, die klaren Bäche, die frische Luft und natürlich die Möglichkeit zur Jagd in seinem Bergrevier.

Während wir noch so dasaßen und miteinander redeten, hatte sich draußen die Nebelwand gelichtet, und es hatte aufgehört zu regnen, genau so, wie Wolfgang es vorausgesagt hatte. Als dann ein erster Sonnenstrahl durch die Wolken brach, hielt ihn nichts mehr. Den Rucksack geschultert, das Gewehr umgehängt, den Hut auf dem Kopf und den Stab in der Hand, verabschiedete er sich schnell von mir und eilte mit großen Schritten dem seit Tagen ersehnten Jagdabenteuer entgegen.



Als er gegangen war, empfand ich wieder beides, das Angenehme der Gesellschaft mit einem netten Menschen und das Missfallen darüber, dass meine Einsiedelei auf der Hütte unterbrochen worden war. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass es mit meiner Robinsonade jetzt ehedem vorbei war, denn dem Besuch Wolfgangs folgte in den nächsten Tagen eine ganze Kette in meinen Augen unerwünschter Besucher. Natürlich stand ihnen allen das Nutzungsrecht der Hütte viel eher zu als mir, dennoch empfand ich sie als Eindringlinge und Störenfriede meiner Hüttenidylle.

Nachdem Wolfgang von einem erfolglosen Jagdausflug
zurückgekehrt und nach Hause ins Tal gefahren war, kam er am
nächsten Tag vormittags in Begleitung seiner Ehefrau wieder. Carola war ebenso freundlich und nett wie ihr Gatte und begann sofort ihre hausfraulichen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Sie kehrte die Hütte aus, übernahm das Kommando in der Küche und hängte die Betten an die frische Luft und bezog sie neu, denn sie hatten ja die Absicht, über Nacht hierzubleiben.

So angenehm es für mich war, nun gewisser Pflichten
enthoben zu sein, so sehr schmerzte mich doch dieser Eingriff in
meine bisherige Alleinherrschaft. Trotz allem verlief unser
Zusammensein in freundschaftlich, kameradschaftlicher Weise. Carola ließ mich sogar das Abendessen allein zubereiten. Es bestand aus Bratkartoffeln und gebackenen Regenbogenforellen, die ich aus einem Vorhaltebecken in Bachnähe unterhalb der Hütte gefangen hatte und die von Heimo dort in einer Art natürlicher Vorratshaltung eingesetzt worden waren. Nachdem es allen gemundet und wir das Geschirr gemeinsam abgewaschen hatten, wurde es noch ein recht gemütlicher Abend in froher Runde.

Am Tag darauf wurde es turbulent. Es war Wochenende. Ein wahrer Besucherstrom setzte ein. In aller Frühe erschien zuerst ein Jagdfreund Heimos zusammen mit einer Jungjägerin, die in einem höher gelegen Teil des Reviers ihr erstes Murmeltier schießen wollte. Wohl zur Unterstützung hatte sie auch ihren Freund mitgebracht. Die Drei waren kaum in Richtung ihres Jagdzieles aufgebrochen, als wieder ein Auto heranrollte. Ihm entstiegen Wolfgangs Bruder, dessen Frau und Tochter, sein Vater und der Vater von Carola. Es folgte eine ausgiebige Begrüßung und eine gegenseitige Vorstellung, bevor man sich bei strahlendem Sonnenschein auf den Bänken rund um den großen Holztisch auf der Wiese zu einem gemütlichen Plausch niederließ. Getränke machten die Runde, und die Frauen bereiteten den Grill für das gemeinsame Mittagessen vor.

Noch bevor es damit soweit war, kam die junge Jägerin mit ihren beiden Begleitern von der Jagd zurück. An ihrem Strahlen merkte man sogleich, dass diese erfolgreich gewesen war. Murmeltiere hatte ich von meinen Beobachtungsposten wegen der großen Entfernungen noch nicht sehen können. Deshalb war ich gespannt darauf, jetzt eines ganz aus der Nähe betrachten zu dürfen. Ich muss gestehen, so sehr ich mich auch auf den Anblick eines Murmeltieres gefreut hatte, konnte ich dem vor mir im Gras ausgestreckt liegenden braunen Fellbündel weder  etwas an Freude noch größeres Interesse abgewinnen. Nichtsdestoweniger wurde die Jagdbeute mit mehreren geräuschvollen Umtrunken in der Runde gefeiert. Die lärmende Stimmung hielt auch nach dem Essen bis in den späten Nachmittag hinein an. Während dieser Stunden musste ich ab und zu die Augen schließen und an die wunderbare Stille denken, die sonst in und um die Hütte herum herrschte, nur unterbrochen vom Rauschen des Baches, dem Sausen des Windes und dem entfernten Klingen der Kuhglocken auf der Weide.

Als sich das Gros der Besucher endlich verabschiedete und davonfuhr, musste ich tief Luft holen, obwohl ich ja jetzt auch noch nicht ganz allein war. Wolfgang und der Jagdfreund Heimos blieben ja noch und hatten vor, heute und morgen hier zur jagen. Außerdem kam nun auch Heimo zur Hütte hinauf und brachte einen weiteren Freund, einen Bienenzüchter, mit. Aber auch die Gespräche über Bienenzucht gingen vorüber, und die zwei fuhren nach einiger Zeit wieder ab. Die Jäger machten sich auf zur Jagd, und plötzlich war ich wieder, zumindest für einige Stunden, bis die beiden Waidmänner wieder zurück wären, allein auf der Hütte.

So hatte ich sie von nun an immer nur noch für begrenzte Zeiten für mich, Stunden, in denen ich Stille und Einsamkeit genießen konnte. Natürlich genoss ich auch weiterhin die Zeiten des Wildbeobachtens, die mit ja ebenfalls geblieben waren. Mittlerweile konnte ich immer besser voraussagen, wo und wann welches Wild aus der Deckung heraustreten würde. So beobachtete ich weiterhin die Rehe, Gämsen und Hirsche auf den Lichtungen und ihren Wildwechseln. Ich hatte mittlerweile sogar auch männliche Rothirsche mit unterschiedlich starken Geweihen auf den höher gelegenen Äsungsflächen entdeckt, die nur mit Hilfe des Spektivs gut einsehbar waren, Einmal wieder flog auch der Steinadler hoch am Himmel dahin, und ich sog alle diese Eindrücke tief in mich hinein.



Der Wechsel zwischen Hütteneinsamkeit und erzwungener Gesellschaft hielt indes weiter an. Einmal waren es, wie bisher die Jäger, die ins Revier zogen, um später zurück zu kehren und in der Hütte zu essen und zu übernachten. Einmal war es eine neue Familie, Mann, Frau und drei Kinder, irgendeines Cousins, die das Hüttengelände fast einen ganzen Tag lang mit lebhaftem und vor allem recht lautem Treiben in Beschlag nahmen. Einmal war es der Almbauer, der seine Kühe auf der oberen Alm grasen ließ und der es sich zur lieben Gewohnheit gemacht hatte, ab und zu bei der Hütte vorbei zu schauen, um sich am Brunnen den Schweiß vom Körper zu waschen und anschließend gemächlich zu verweilen, sowohl auf einen Plausch als auch auf die Einladung zu einem Bier hoffend. Natürlich war es nicht an mir, eine Hüttentraditionen zu brechen und so gewährte ich ihm stets beides, den kühlen Trunk und mein geduldiges Zuhören, wobei ich allerdings höchstens ein Drittel von dem verstand, was er mir da in seinem vielleicht urkärntnerischen Dialekt mitteilte.

Wie froh war ich, wenn alle diese Störungen ihr Ende fanden, und ich tiefseufzend mein Lärcha, zumindest temporär, wieder alleine in Besitz nehmen konnte. Nicht, dass mir Gesellschaft an sich verhasst wäre, vor allem die mit Wolfgang genoss ich sogar sehr, und nahm deswegen auch, als er wieder ins Tal und in den Tunnelbau zurückkehren musste, nicht ohne Wehmut Abschied von ihm. Wenn es aber zu viel an Gesellschaft war und sie mir nur wenig oder gar nichts bedeutete, dann war sie allerdings schlichtweg nur ein Störelement in meiner romantisch verklärten Hütten-Robinsonade. Und so war mir klar, sollte ich jemals wieder einen Hüttenaufenthalt im Lärcha genießen dürfen, dann mussten dabei alle eventuellen Störungen dieser Art von vornherein ausgeklammert werden. Als Nächstliegendes bot sich da natürlich an, den nächsten Aufenthalt nicht mehr in die Jagdsaison zu legen. Besuche von Jägern und deren Familien waren damit schon einmal ausgeschlossen. Ein weiterer Ausblick auf die Möglichkeit, beim nächsten Mal garantiert ungestört bleiben zu können, eröffnete sich sich unverhofft am nächsten Tag, der bereits mein Abreisetag war.

Heimo erschien pünktlich, um mich abzuholen. Doch bevor wir mein Gepäck in sein Auto laden konnten, mussten wir zuerst verschiedene Möbelstücke ausladen. Auf meine Frage, wofür die denn seien, antwortete Heimo, sie wären für die weitere Ausstattung der Bilitz-Hütte bestimmt. ‚Bilitz-Hütte‘ – im Nu durchzuckte mich eine äußerst reizvolle Vorstellung. War das vielleicht die Option für ein nächstes Mal, einige Tage in der Bilitz-Hütte? Die sogenannte Bilitz war ein kleiner Almwiesengrund, zu dem ein steiler, etwa 200 m Höhenunterschied überwindender, Pfad von der Lärcha-Hütte aus hinaufführte. Wegen mangelnder Kondition war ich bisher noch nicht dort oben hin gelangt, und kannte das Gebiet nur vage mittels Fernglas und Spektiv.



Mit Staunen und Bewunderung musste ich allerdings an das denken, was mir Bauersleute aus dem Tal über die Bilitz erzählt hatten: dass man damals nämlich diesen, mit dem Vieh nur so mühselig zu erreichenden Weidegrund lediglich als Zwischenstation genutzt hatte, um die Tiere sich dort erholen und neu kräftigen zu lassen, dass sie dann aber weiter hinauf und sogar über den Bergrücken hinweg bis hin zu der größeren und nahrungsreicheren Wallischen Alm auf der anderen Bergseite getrieben wurden. Was für eine Anstrengung für Mensch und Tier!  Sogar die Kinder mussten da mithelfen. Für manche Buben aus dem Mölltal war es zum Beispiel nichts besonderes, die Ziegen morgens zur Bilitz hinauf und am Abend wieder zurück ins Tal zu treiben.

Im Laufe der Zeit war dort oben eine kleine, zunächst nur behelfsmäßige, Hütte als Schutz und Unterschlupf für die Hirten entstanden. Jäger vergrößerten sie später und richteten sie für ihre Bedürfnisse her. Deswegen hatte nun auch Heimo  diverse Möbelteile zur Lärcha-Hütte gebracht, um sie in den nächsten Tagen auf seinem Rücken weiter zur Bilitz-Hütte hinauf zu tragen und deren Ausstattung damit weiter zu vervollständigen. Immerhin, meinte er, könne man darin schon übernachten und sich, wenn auch beengt, sogar für ein paar Tag darin einrichten.  Optimal sei die Hütte für die Jagd, denn man befände sich dort ja schon auf gleicher Höhe mit dem Wild und könne es aus besserer Sicht- und Schussweite beobachten und bejagen. Gämsen, Hirsche, Murmeltiere und sogar der Birkhahn gebe es dort, die sich sozusagen direkt vor der Haustüre bewegten. Als ich das hörte, war natürlich sofort Feuer und Flamme, und beschloss innerlich, mich unbedingt für das nächste Mal so weit in Form zu bringen, dass einem Aufenthalt in der Bilitz meinerseits nichts mehr im Wege stünde. „Beim nächsten Mal‘, hatte ich wie völlig selbstverständlich gedacht. Aber gab es das überhaupt für mich, ein nächstes Mal? Hatte ich die Gastfreundschaft, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft meiner Kärntner Freunde nicht schon mehr als genug strapaziert?! Würden sie mich überhaupt noch ein weiters Mal auf der Hütte haben und dulden wollen?! Völlig verunsichert erwähnte ich Heimo gegenüber kein Wort von solchen Zukunftsplänen und -gedanken. Ich war ihm ja von Herzen dankbar für all das, was ich hier schon hatte erleben dürfen, und wollte mich ihm gegenüber keineswegs wie ein unbescheidener und undankbarer Nimmersatt darstellen. Deshalb schwieg ich trotz meiner geheimen Wünsche weiter.

Ich denke aber, Heimo hat etwas gespürt, von dem was in mir vorging. Denn, als er mich zum Zug gebracht, und ich ihm unterwegs noch einmal schwärmerisch und in den höchsten Tönen meinen Aufenthalt im Lärcha gepriesen hatte, lächelte er nur und sagte in seinem Kärnter Dialekt:

„Kommscht halt amoal wieda!“



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9 – Bootshausidylle

Kaum hatte ich den Raum betreten und mich auch nur flüchtig darin umgesehen, als mich urplötzlich das Gefühl überkam: „Hier könnte ich leben! Hier könnte ich sein“. Die Wände waren weiß von getrocknetem Lehm. Geschälte Baumstämme stützten eine Holzbalkendecke. An einem ihrer Enden befand sich ein Durchlass, durch den Rauch aus der darunterliegenden Feuerstelle entweichen konnte. Einfach und spärlich war die Einrichtung. Auf einem grob gezimmerten Tisch in der Raummitte lag allerlei Küchengerät. Ein Regal neben der aus Steinen und Lehm errichteten Feuerstelle hielt Gefäße aus Ton und Holz. Ackerwerkzeug, Jagd- und Fischerutensilien bedeckten die Wände, Schilfmatten und Felldecken lagen in einer Ecke auf dem Boden. Trotz dieser Kargheit vermittelte mir der Raum in seiner Zweckmäßig- und Genügsamkeit einen so einladenden Eindruck, sodass eben spontan jenes Gefühl entstand, dass ich hier leben und sein könnte.

Natürlich könnte ich das nicht, ich, als Mensch des 21. Jahrhunderts, angewiesen auf all die lebenserleichternden Errungenschaften unserer modernen hypertechnisierten Welt. Denn der Raum, in dem ich stand, war Teil einer der steinzeitlichen Fischerhütten im archäologischen Pfahlbaumuseum Unteruhldingen am Bodensee. Wie hier nachgebildet, hatten Menschen vor rund fünftausend Jahren gelebt und ihr Auskommen gefunden – undenkbar und nicht mehr nachvollziehbar für uns heutige. Und doch ging eben gerade von der Schlichtheit dieser Behausung eine starke Faszination auf mich aus. Es war der völlige Rückzug auf das Allernotwendigste. Hier war nicht mehr und nicht weniger als ein Raum, in dem man leben konnte und der einem Schutz vor der Außenwelt bot, ein Dach über dem Kopf, ein Obdach, ein Ort, der das Eigene umfasste und die Welt draußen ausschloss. Darin, in dieser Einfachheit und Begrenzung auf das Nötigste, steckt wohl eine uralte Sehnsucht der Menschheit, die wahrscheinlich schon immer im Menschen da war und die nun auch in mir wieder wach wurde, die Sehnsucht nach dem geschützten, einfachen und überschaubaren Leben.

Und noch etwas anderes faszinierte mich hier, und zwar das Leben an der Wasserwelt. Breite Ritze und Lücken im Belag der Bohlenstegen zwischen den einzelnen Hütten und Häusern gaben hier und da den Blick auf die darunter schimmernde Wasseroberfläche frei. Im lichten Blau des klaren Wassers sah man schemenhaft die Silhouetten größerer und kleinerer Fische hin und her huschen. Ihr Anblick erinnerte mich zum einen daran, dass ja der Fischfang einen Teil der Nahrungsgrundlage der steinzeitlichen Menschen darstellte, zum anderen entflammte er in mir erneut die Liebe und Leidenschaft sowohl für die geliebte Angelei als auch für die Schönheit der Natur am Wasser. Bei jeder Urlaubsplanung war ich damals darauf bedacht, als Unterkunft ein Haus oder eine Hütte in schöner Uferlage zu finden. Immer, wenn ich im Urlaub mit dem Boot auf dem Tachinger oder Waginger See unterwegs war, hielt ich jedesmal an, wenn da am Ufer, am oder im Wasser stehend, ein Bootshaus oder eine Fischerhütte auftauchte. Meist waren sie idyllisch gelegen, umgeben von dunklen Laub- oder Nadelbäumen, zum See hin rechts und links flankiert von hellgrünen Schilfrändern, gelb- und weiß leuchtende See- und Teichrosenfelder davor. Jedesmal fiel es mir schwer, mich davon loszureißen und weiter zu rudern, immer mit dem Wunsch, in solch einem Haus den ganzen Urlaub verbringen zu dürfen. Allein, es blieb stets bei dem Wunsch, denn alle diese begehrten Objekte waren in privater Hand und nicht zu mieten. Ich kannte auch niemand aus meinem näheren oder weiteren Bekannten- und Freundeskreis, der selbst Besitzer eines solchen Bootshauses gewesen wäre oder mir zumindest hätte Zugang dazu verschaffen können. So blieb der Urlaub im Bootshaus ein Traum über viele Jahre hinweg. Mit der Einführung des Internets erhielt mein Suchtrieb einen neuen Impuls. Nun konnte ich landes- und bundesweit nach einem entsprechenden Urlaubsdomizil suchen. Hoffnungsvoll gab ich den Begriff „Ferienhütte am See“ für ganz Deutschland ein und erhielt neben zahllosen, für mich uninteressanten Links zu Häusern, die irgendwie und irgendwo in Seenähe lagen, nur einen einzigen Hinweis, der zu meinen Wünschen zu passen schien. „Bootshaus in Krakow am See“ hieß es da.

Nachdem alle Informationen über nähere Einzelheiten online und telefonisch eingeholt waren und befriedigend bestätigten, die richtige Wahl getroffen zu haben, buchten wir, ein Angelfreund und ich, das Bootshaus für eine Woche anfangs Mai des kommenden Jahres. Ein späterer, für die geplante Angelei vielleicht günstigerer Termin war leider nicht zu bekommen, andererseits kam der frühe Zeitpunkt im Jahr unserer Ungeduld und Vorfreude wesentlich besser entgegen. Einige Tage vor der geplanten Abreise jedoch traf es mich wie ein Schlag, als mein Freund plötzlich aus familiären Gründen seine Teilnahme absagte. Ich war völlig niedergeschlagen. Eine Ersatzperson war in der Kürze der Zeit nicht zu finden, und allein zu fahren, wäre mir zu langweilig und wegen der langen Fahrtstrecke auch zu anstrengend gewesen. Was nun? – In dieser Situation erbarmte sich meine Ehefrau meiner und erklärte sich trotz einer ziemlichen Erkältung, und obwohl ihr jegliches Interesse für die Angelei fehlt, mir zuliebe bereit mitzufahren. Und so brachen wir dann zu Beginn des

Wonnemonats Mai gemeinsam nach Mecklenburg-Vorpommern auf.

Das gebuchte Bootshaus, das eher einer schmalbrüstigen Fischerhütte glich, stand in einer Bucht des Krakower Obersees als Teil einer Kette ähnlicher auf Plattformen über dem Wasser ruhender Bauten, die von Land aus jeweils durch schmale Holzstege erreichbar waren. Im Innern war unser Häuschen trotz der relativen Enge gut und zweckmäßig eingerichtet. Vom gemütlichen kleinen Wohnzimmer führte eine Glastür ins Freie und auf eine geräumige hölzerne Terrasse hinaus. Von hier aus war der Blick frei auf die Weite des Sees und auf alles, was sich darauf bewegte – ein idealer Platz zum Angeln und zur Naturbeobachtung. Die Bootshausidylle schien perfekt zu sein.

Dass sie es dann doch nicht war, lag an den in dieser frühen Jahreszeit noch recht niedrigen Temperaturen und dem nasskalten Wetter. Der Mai hatte gerade erst begonnen, und die Bäume trugen erstes grünes Laub. Die Singvögel sangen fleißig. Besonders eine Nachtigall tat sich dabei mit ihrem süß ziehenden, schmetternden und schluchzenden Gesang deutlich hervor. Aber auch sie vermochte uns bei anhaltendem Regen nicht wirklich zu trösten. In den Regenpausen beobachtete ich, was sich am Himmel oder auf dem Wasser bewegte, während meine Frau die wenigen Sonnenstunden, die es gab, auf der Terrasse, ihrer Erkältung wegen gut in Decken eingepackt, im Liegestuhl genoß. Aber all das konnte nicht befriedigen, erst recht die Angelei nicht, denn es biß kein Fisch.

Nicht, dass es keine Fische im See gegeben hätte – im Gegenteil. Im flachen, klaren Wasser rund um unsere Hüttenveranda herum flitzten ganze Scharen von Jungfischen, Rotaugen, Rotfedern, Güstern, Ukeleis und kleinen Flußbarschen,. Draußen auf dem See zogen in der Morgen- und Abenddämmerung riesige Kormoranschwärme tauchend und erfolgreich fischend an mir vorbei. Zudem zog öfter ein Haubentaucher, noch im Prachtkleid der Balz, ganz dicht an den Stelzen unserer Veranda vorbei, reckte den Kopf mit den roten Federohren und dem spitzen Fischfängerschnabel zu mir her, tauchte dann in die Tiefe hinab und kam kurze Zeit später mit einem silbrig glänzenden Fisch im Schnabel wieder an die Oberfläche. Wenn er seine Beute dann zurecht gerückt und mit ein, zwei Schlucken verschlungen hatte, und wieder zu mir hersah, kam es mir jedesmal so vor, als wolle er mich wegen meiner Misserfolge ein wenig auslachen. Denn an meiner Stipp- sowie Grundangel tat sich nichts, rein gar nichts. Es erfolgte kein einziger Zupfer. Auch gelang es mir nicht, den einen oder anderen Räuber von der Schilfkante, ob Hecht, Barsch oder Zander, mit der Spinnrute zu überlisten.

Die vielen Negativerlebnisse, gepaart mit dem unfreundlichen Wetter, bewirkten, dass wir zunächst ab und zu in die Wärme eines Museums oder Restaurants flohen, um dann aber, auch weil es meiner Frau gesundheitlich nicht besser ging, unseren Aufenthalt vorzeitig abzubrechen. So verliefen die Tage im lang erträumten Haus am Wasser nicht so, wie gewünscht und geplant, sodass man eher von einem Reinfall sprechen könnte. Und doch gab es darin etwas, das mir bis heute unvergesslich und wertvoll ist.

Es waren die Augenblicke der Ruhe am Abend, wenn nach Schönwetterstunden die Sonne ihre Strahlen rotgolden glänzend durch den Vorhang aus Schilfhalmen auf dem See geworfen hatte und nun langsam hinter dem dunklen Saum des Ufers gegenüber unterging, wenn nur noch ein orange-gelber Schein am Himmel und im Wasser blieb, wenn bei weiter schwindendem Licht das Farbenspiel in ein sattes Rot hinüber wechselte und die Schatten von Ufer und Wald tiefschwarz wurden, wenn schließlich alles langsam in die Dunkelheit der Nacht versank, dann war mir, als würde damit zugleich die ganze Welt ausgeschlossen, als würde hier mit dem Schutz, und der Sicherheit der Obdach gebenden Hütte in meinem Rücken alles auf das Wesentliche heruntergefahren. Es war dasselbe Gefühl, wie das, welches ich damals beim Betreten des Raumes im steinzeitlichen Pfahlbautendorf Unteruhldingen empfunden hatte.


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8 – Die Ferienhütte in Burg

Vierzehn – oder gar fünfzehnmal – wie oft genau, darüber sind meine Frau und ich bis heute uneins, haben wir mit unseren Kindern in den Sommerferien in Burg bei Tengling am Tachinger Teil des Waginger Sees Urlaub gemacht. Burg liegt etwa einen Kilometer vom Hauptort Tengling entfernt auf einer Anhöhe, die von der malerisch anzusehenden Wallfarhtskirche Mariae Himmelfahrt gekrönt wird. Von ihr heißt es in Max Burgers  Kirchenführer „Wallfahrtsstätten im Inn- und Salzach-Gebiet“ zurecht: „Der Anblick ist entzückend und bezaubernd. Es gibt wohl wenige Kirchen- und Burgenanlagen, die sich mit Maria Burg messen können“. Nicht minder malerisch verteilen sich unter ihr ein knappes Dutzend Bauernhäuser und Gehöfte, deren Vorgärten und Balkone sich in einem ständigen Wettstreit um die schönste und größte Blumenpracht zu befinden scheinen. Zudem von grünen Wiesen und dunklen Waldstücken umrahmt, vermittelt das Ganze den Eindruck von bayerischer Postkarten-Urlaubsidylle pur.

In einem der Häuser, nämlich in dem dem der Familie Bauer,  bezogen wir Jahr für unsere Ferienzimmer. Konrad, das Familienoberhaupt, war von Hause aus eigentlich nur Landwirt, besaß aber das handwerkliche Geschick eines technischen Alleskönners. In seiner Schreinerwerkstatt stellte er unter anderem Fenster und Türen für die Häuser von Nachbarn und Freunden her, restaurierte gekonnt alte und oft wertvolle Bauernmöbel und baute diese sogar zum Teil auch für den Eigenbedarf nach. So schliefen wir zum Beispiel während unserer Ferienwochen in einem prächtigen Himmelbett mit kunstvoll gedrechselten Säulen. Aber nicht nur für Kunst und Stil hatte Konrad einen Sinn, er war darüber hinaus ein äußerst praktisch denkender Mensch, der seine Fähigkeiten vor allem auch im Bereich der täglichen Arbeit und Nutzung einsetzte. Im Scheunenteil seines Anwesens stand neben einem aus Schrott- und Ersatzteilen selbst wieder aufgebauten Traktor ein ebenso entstandener, voll funktionsfähiger Gabelstapler. Auf einer Industriemesse hatte Konrad eine Presse gesehen, mit der man Holzspäne zu Brennofen-Pellets pressen konnte. Eingedenk des großen Späneanfalls in seiner eigenen Schreinerwerkstatt und der Möglichkeit, Heizkosten mittels einer solchen Konstruktion einzusparen, ruhte er nicht eher, bis ihm der entsprechende Nachbau für zuhause gelungen war.

Sein eigentliches Meisterstück aber war etwas ganz anderes, etwas nicht Notwendiges und nicht Nützliches im eigentlichen Sinne des Wortes: es war sein „Werk“, wie er es selbst nannte, oder seine „Spielereien“, wie man es später als Attraktion und Ausstellungsstück im Freizeit- und Märchenpark zu Ruhpolding genannt hat, und wo es auch heute noch in seinen wesentlichen Teilen zu besichtigen ist. Zu Zeiten unserer Urlaube in Burg stand es am Wiesenrand des Bauer‘schen Grundstückes, in der Nähe eines dort fließenden Baches.

Konrads „Werk“ bestand aus einem Ensemble von mehreren Modellbauten, die einen recht lebensnahen Einblick in die ländlich-bäuerliche Lebens-und Arbeitswelt vermittelten. Da gab es einen Bauernhof, eine Getreidemühle, ein Sägewerk, eine Brauerei, alles umgeben von Wald- und Landschaftsteilen. Durch ein ausgeklügeltes System von Antriebsmechanismen, die mittels Wasserkraft aus dem nahen Bach in Gang gesetzt wurden, fingen Geräte und kleine handgeschnitzte Figuren an sich zu bewegen. Da wurden Baumstämme im Sägewerk hinauf und hinunter gezogen, volle Getreidesäcke in die Mühle bewegt, Hopfen in der Brauerei geschlagen und zu Bier gebraut, auf dem Bauernhof Mist gefahren und Holz gehackt. Liebevoll bis ins kleinste Detail hinein hat Konrad Bauer 13 Jahre lang unermüdlich an seiner Miniaturwelt gebaut, sie verfeinert und für den Betrachter reizvoll dargestellt.

Nicht in Miniatur, sondern in realen Maßen hatte er darüber hinaus sowohl für die Feriengäste als auch für die eigene Familie vor dem angrenzenden Wiesengelände ein kleines Schwimmbad angelegt, das durch ein Schiebedach vor Regen und anderen Wetterunbilden geschützt und dessen Wasser schon damals in den 1980er Jahren mittels eines – selbstverständlich ebenfalls selbst konstruierten – Sonnenkollektors auf angenehme Badetemperatur gebracht werden konnte.

Nur wenige Schritte vom Schwimmbad entfernt stand meine Ferienhütte. Natürlich gehörte sie nicht mir und auch nicht mir alleine. Alle Urlaubsgäste benutzten sie, vor allem am Abend, wenn darin gegrillt, gegessen und gefeiert wurde. Oftmals ging es dabei recht lebhaft zu, vor allem, wenn da, wie in manchen Jahren, ein Urlauberduo gekonnt mit Akkordeon und Klarinette aufspielte, Konrad sie mit einer in aller Eile zusammengebauten Teufelsgeige lautstark begleitete, wenn da aus voller Brunst gesungen und über humorvoll Vorgetragenes lauthals gelacht wurde. Viele schöne Stunden erlebten wir dort in der Gemeinschaft mit anderen Urlaubsgästen.

Und doch war die Hütte mein, nämlich dann, wenn sie tagsüber unbenutzt war, wenn ich mich  in ihr endlich an das Vorhaben heranwagen konnte, das schon so lange meine Gedanken bewegte: an das Schreiben nämlich, genauer gesagt, an das Schreiben meiner Angelerlebnisse. Das im Stil einer Almhütte erbaute kleine Holzhaus mit seiner schlicht rustikalen Einrichtung, mit der Stille darin, dazu das Gefühl, schier unbegrenzt Zeit in diesen Urlaubstagen zu haben, all das hat mich nicht nur dazu animiert, sondern sogar einen innerlichen Drang ausgelöst, mein Vorhaben nun endlich zu verwirklichen. Dieser Ort passte auch deswegen so gut dazu, weil er ja ganz in der Nähe eines der Seen lag, an denen ich das erlebt hatte, worüber ich  schreiben wollte.

Aber warum wollte ich eigentlich eigene Angelgeschichten schreiben? Nun ich denke, jeder Angler, der seine Passion von ganzem Herzen liebt, wird sich nicht nur mit dem direkten Erleben am Fischwasser begnügen, sondern darüber hinaus auch einen inneren Nachhall der Erlebnisse suchen, die er ‚draußen‘ gehabt hat. Solches Nacherleben findet er außer in seiner Erinnerung auch in der Angelliteratur, die landauf, landab angeboten wird. Alles Gedruckte, das auch nur entfernt mit der geliebten Angelei zu tun hat, wird förmlich verschlungen. Für mich unbestritten an erster Stelle standen dabei aber die Erzählungen und Erlebnisberichte und nicht die vielen, rein technischen Beiträge, wie z.B. über Angelmethoden, Materialkunde, Geräteauswahl usw. Wenn hier dagegen jemand erzählte, wie, wo, unter welchen Umständen und Schwierigkeiten, mit welchem Hoffen und Bangen er einen Fisch gefangen oder auch nicht gefangen hat, dann eröffnete mir das beim Lesen die Möglichkeit, mich ganz mit ihm zu identifizieren, in seine Haut zu schlüpfen und mit ihm die Freude oder die Enttäuschung am Erlebten zu teilen.

Leider fand ich bisher trotz eifrigem Suchens nur wenige Bücher, die solches Miterleben und solche Mitfreude vermitteln konnten. In den Fachzeitschriften war ebenfalls nur ab und zu eine solche Perle zu finden.

Deshalb wollte ich, nicht um damit zu prahlen oder anzugeben, wie uns Anglern das ja so oft nachgesagt wird, sondern allein aus der Lust am Erzählen und Gestalten heraus, den Versuch wagen, einen eigenen Beitrag dazu beizusteuern. Natürlich war mir klar, dass es  sich dabei nur um den Beitrag eines ganz gewöhnlichen Durchschnittsanglers handeln konnte. Nur der einheimischen Fischwelt und nicht irgendwelchen Traumgewässern in der weiten Welt hatte damals ja mein Augenmerk gegolten. Gute, interessante Fische hatte ich dabei schon gefangen, keine sogenannten Kapitalen, auch wenn die Grenze bis zu einem solchen manchmal nicht allzu weit war. Für mich hatten sie alle schwer gewogen, hatten zu mir und meinem Leben dazugehört. Was mir nebenbei an Naturerlebnissen zuteil geworden war, hatte mein Herz fast ebenso erfreut, wie das Angeln selbst. All das wollte ich mir nun herunter schreiben, in der Hoffnung, es gebe anderen Anglern oder Naturfreunden ein wenig von der Freude wieder, die ich selbst empfunden hatte.

Und so saß ich nun fast täglich an den Nachmittagen dieser Urlaubswochen auf der Bank vor dem Holztisch in der Hütte, einen Stapel weißen Schreibmaschinenpapiers, meine Fangbücher mit den Aufzeichnungen der einzelnen Angeltage als Erinnerungshilfen vor mir und schrieb Stunde um Stunde. In der Hütte war es angenehm kühl, während draußen hochsommerliche Hitze herrschte. Oft drang das Lachen und Rufen der Kinder zu mir, die sich im Schwimmbecken vergnügten. Ab und zu, wenn einer von den erwachsenen Urlaubsgästen draußen vorbeiging, hörte ich das kopfschüttelnd verständnislose Murmeln darüber, wieso einer bei solch einem schönem Sommerwetter stundenlang in einer Holzhütte sitzen könne. Ich aber erinnere mich noch genau der großen Freude, die ich empfand, als ich, damals noch mit dem Füllfederhalter, Seite um Seite mit meinen Angelerinnerungen füllte.

Ganz schaffte ich es damals jedoch nicht, alle meine Angelerlebnisse dort zu Papier zu bringen. Dazu waren dann doch noch einige Schreibstunden zuhause zu absolvieren. Dennoch gebührt der Ferienhütte in Burg der Verdienst, mich zum Schreiben animiert und mir den entsprechenden Raum und Rahmen dazu geboten zu haben. In ihr habe ich einen ganz entscheidenden Aspekt meines Lebens schildern dürfen, und so hat sie auch zu recht ihren Platz unter den Hütten meines Lebens.

Nachtrag:

Einen Verlag fanden ‚Meine Angelgeschichten‘ übrigens leider nicht. In allen ablehnenden Schreiben der einschlägigen Buchverlage hieß es damals, man habe zur Zeit kein Interesse an nur unterhaltender Angelliteratur. Gedruckt wurden sie dann aber doch noch. Sie erschienen zwar nicht als Buch, aber als Fortsetzungsfolge im ‚Angler Kurier“, einer Kundenzeitschrift der Firma Balzer, deren damaligen Reiseleiter ich auf einer Angelreise ins Donau-Delta näher kennengelernt und dem sie so gefallen hatten, dass er sie einer Veröffentlichung für wert befand.

Online nachzulesen sind sie auf meiner alten Webseite unter: http://www.hws-natour.de/Angelgeschichten.html


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7 – Fürst Alm

Freundschaft war mir mein ganzes Leben lang wichtig. Schlägt man den Begriff Freundschaft im Wörterbuch oder in den Veröffentlichungen verschiedener Soziologen nach, so wird er dort in summa etwa folgendermaßen definiert: Freundschaft ist ein auf gegenseitiger, vertrauensvoller Zuneigung beruhendes Verhältnis zweier Menschen, die sich gegenseitig wertschätzen. Ein Freund ist demnach jemand, mit dem man sich innerlich eng verbunden fühlt. Eine wichtige Basis für Freundschaft ist die Gleichheit oder zumindest Ähnlichkeit des Denkens, der Interessen und Vorlieben. Von dieser Grundlage aus können beide am Leben und Tun des anderen Anteil nehmen – wie viel und wie weit, hängt von den Grenzen ab, die sie einander setzen und gegenseitig respektieren.

Eine solche Freundschaft pflegte ich seit meiner Schulzeit mit meinem Freund Rainer, mit dem zusammen ich ja mein erstes richtiges Hüttenerlebnis auf der Skihütte im Taunus hatte. Dabei ist ‚pflegte‘ das richtige Wort, denn Freundschaften muß man, wie schon das Sprichwort sagt, tatsächlich pflegen. Das heißt, man muß sich darum kümmern, muß etwas für ihren Bestand und Erhalt tun, muß bereit sein für gemeinsame Erlebnisse und Unternehmungen, muß dabei auch eigene Interessen und Wünsche hinten anstellen, muß den anderen in seiner Art respektieren und ihm im Streitfall auch verzeihen können. Vor allem ist es wichtig, den Kontakt zueinander nicht abreißen zu lassen, auch wenn zeitliche und räumliche Umstände ihn erschweren.

Davon war auch meine Freundschaft mit Rainer betroffen. Nach Beendigung unserer Schulzeit , in der wir uns ja fast täglich gesehen hatten, trennte uns die unterschiedliche Studium-, Berufs- und Wohnsitzwahl über viele Jahre hinweg. Dennoch hielten wir unsere enge freundschaftliche Beziehung, auch als wir später verheiratet waren, durch gegenseitige Besuche und gemeinsame Aktivitäten aufrecht und nahmen Anteil am Wohl und Wehe unserer Familien.

Unter ganz anderen Umständen und Voraussetzungen als die mit Rainer bereits in frühen Jugendjahren begonnene Freundschaft, entstand lange Zeit später die mit Dieter. Ich war damals schon einige Jahre Pfarrer in einer nicht allzu großen Kirchengemeinde und als deren Seelsorger zwangsläufig oft mit den Freuden, besonders häufig aber auch mit den Leiden der dort lebenden Menschen konfrontiert. Wenn Krankheit, Unfall und Tod eine Familie trafen, versuchte ich stets, ihr nahe zu sein, ihr Leid mitzutragen und sie in ihrer schwierig gewordenen Lebenssituation zu begleiten.

Eine Familie in meiner Gemeinde war von solchen Schicksalsschlägen besonders häufig und hart getroffen. Es war die meines späteren Freundes Dieter. Bereits in früheren Jahren waren Angehötige seiner Familie sowohl an unheilbaren Krankheiten oder sogar durch Selbstmord gestorben, und auch jetzt war sie in nur kurzen Zeitabständen wiederum durch den Verlust lieber Menschen erschüttert worden. Ich hatte deshalb oft mit den Angehörigen seiner Familie dienstlich zu tun und war deshalb auch öfter in Dieters Haus zu Gast. Dabei lernte ich ihn schon etwas näher kennen.

Er war damals leitender Angestellter einer großen Transportfirma, hatte aber bereits auch eine erfolgreiche Karriere als Profi-Fußballer und Trainer hinter sich, was schon ein erstes Interesse in mir als einem vom Sport begeisterten Menschen erweckte. Seine Frau war außerdem im selben Alter wie ich, sodass uns manche Gemeinsamkeiten verbanden. Zu einer Freundschaft reichte dies allerdings noch lange nicht. Die Umstände jedoch, die schließlich dann doch dazu führten, hätten schlimmer und trauriger nicht sein können.

Eines Morgens weckte mich das durchdringend laute Tatü-Tata gleich mehrerer Einsatzwagen, die mit großem Tempo in die benachbarte Nebenstraße einbogen. Was war geschehen? Wie sich später herausstellte, hatte ein Autofahrer, ohne Rücksicht auf das geltende Tempolimit zu nehmen, mit hoher Geschwindigkeit den hiesigen Bahnübergang überquert und dabei die 17-jährige Tochter der schon so viel geplagten Familie Dieters frontal erfasst und zu Boden geschleudert. Das schwerverletzte und besinnungslose Mädchen wurde zwar sofort in die Intensivstation des nächsten Krankenhauses eingeliefert und dort mit allen möglichen lebensrettenden Maßnahmen behandelt, erlangte aber die Besinnung nie mehr. Als die Ärzte auch Tage später keinerlei Hoffnung auf Besserung machen konnten, entschied man sich schweren Herzens, die Geräte abzuschalten. Dieters Tochter war tot.

Während der folgenden Tage vor und nach der Beerdigung saß ich mit den leidgeprüften Eltern oft zusammen, meist ohne dass ich in diesen Augenblicken viel an Trost und Hilfe hätte sagen können. Die Mutter ließ ihrer Trauer und Klage oft freien Lauf, weinte, fragte immer wieder nach dem Warum dieses unbegreiflichen schweren Verlustes und erhob auch laute Anklagen gegen den rücksichtslosen Verursacher sowie auch gegen Gott, der dieses Unglück einfach zugelassen hatte. Während ich ihr dabei meist hilflos zuhörte und immer nur ein paar wenige dürre Worte des Trostes fand, schwieg Dieter die ganze Zeit über. Er sagte kein einziges Wort und schien wie in einer eigenen Welt versunken.

In den Wochen danach, erfuhr ich bei einem weiteren Trauerbesuch, dass Dieter regelmäßig wieder sein vorher übliches Lauftraining absolvierte. Da auch ich in dieser Zeit wieder einmal etwas für meine Fitness tun wollte, fragte ich ihn, ob ich ihn wohl ab und zu auf seinen Runden begleiten könne. Er stimmte zu, und so liefen wir von nun an zweimal wöchentlich gemeinsam durch die umliegenden Felder und Wälder. Anfangs hatte ich natürlich Schwierigkeiten, dem Tempo des Ex-Profis zu folgen. Doch bald, nachdem er es mir zuliebe etwas gedrosselt hatte und ich auch selbst etwas fitter geworden war, bewegten wir uns Seite an Seite immer etwa eine gute Stunde lang auf unserer Strecke. Gesprochen wurde dabei zwar so gut wie nichts, doch merkte ich, wie unsere Beziehung durch dieses gemeinsame Tun von Mal zu Mal fester wurde.

Neben dem Laufen verband uns bald eine weitere Gemeinsamkeit, nämlich die Angelei, die ich damals noch sehr liebte. Gerade hatte ich für eine kleine Sensation im Dorf gesorgt, indem ausgerechnet ich, der Pfarrer, den kapitalen Hecht aus dem Teich gefangen hatte, hinter dem all die anderen hiesigen Angler schon über Jahre hinaus erfolglos her gewesen waren. Da diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer durch die Gemeinde gegangen war, hatte natürlich auch Dieter davon erfahren, und gestand mir daraufhin sein eigenes großes Interesse am Angeln, verbunden mit der Bitte, ihm bei seinen Anfängen behilflich zu sein. Dem kam ich natürlich mit Freuden nach, denn ein geliebtes Hobby mit einem guten Freund zu teilen, kann ja die Freude daran nur noch steigern. Nachdem ich ihm also in Theorie und Praxis zu einem Einstieg in die Sportfischerei verholfen hatte, fischten wir von nun an oft gemeinsam, zuerst an nahegelegenen Kiesgruben, die als reine Besatzgewässer auch jedem Anfänger Fangerfolg garantierten. Später dann, als er mehr Erfahrung gesammelt hatte, gingen wir auch zum richtigen Angeln an den Fluss.

Als wir dort eines Tages einmal mit etlichen Weißfischen und einigen Barschen erfolgreich gewesen waren, erzählte er mir, dass er und seine Frau an der Mosel seit einiger Zeit ein schönes Ferienhäuschen besäßen, dass der Fischbestand dort recht gut sei und er schon des öfteren dort erfolgreich gefischt hätte. Ob ich denn nicht einmal dorthin mitkommen wolle? Was für eine Frage – sofort war ich Feuer und Flamme und stimmte begeistert zu.

Das Ferienhäuschen an der Mosel entpuppte sich als ein schmuckes kleines Holzhaus, in norwegischem Stil ganz aus Holzbalken erbaut. Es erinnerte deshalb eher an eine etwas zu groß geratene Hütte als an ein richtiges Haus. Auch die rustikal gehaltene Innenausstattung entsprach ganz meinen romantischen Hüttenvorstellungen. Es lag zudem inmitten eines großen, wunderschön gepflegten Gartens. Ich liebte es sofort. Hier sollten wir also die nächsten Tage miteinander verbringen. Meine Vorfreude darauf war sehr groß und sollte auch während unseres gesamten Aufenthaltes hier nicht enttäuscht werden.

Dieter konnte ein sehr geselliger und lustiger Mensch sein. Mit seinem trockenen, treffsicheren Humor hatte er uns bereits früher schon oft zu herhaftem Lachen gebracht. Und so hatten wir auch in diesen Tagen im Ferienhaus ebenfalls wieder viel Spaß miteinander.

Dort hing in dem als Wohnzimmer gemütlich eingerichteten Raum an einer Wand ein in frischen Farben handgemaltes Bild, das ein Porträt der verstorbenen Tochter zeigte. Sie sah darauf den Betrachter mit der ganzen, reinen Schönheit ihrer Jugend an. Sofort war ich davon freudig fasziniert und innerlich tieftraurig zugleich. Ich hatte das Mädchen ja selbst gut gekannt, da sie einst zu einem meiner Konfirmandenjahrgänge gehört hatte. Als ich Dieter neugierig fragte, wann und wo denn dieses Bild entstanden sei, zeigte sich ganz plötzlich wieder die andere Seite seines Wesens. Er verstummte sofort und sprach auch lange Zeit danach kein einziges Wort mehr.

Diese Eigenart war mir allerdings nicht neu. Schon früher hatten wir ihn im Freundeskreis von dieser Seite her kennen gelernt. Nach anfänglicher Verwunderung hatten wir uns, wenn er plötzlich nicht mehr sprach, allmählich daran gewöhnt und machten uns nun keine großen Gedanken mehr darüber. Meine Frau pflegte in solchen Fällen scherzend zu sagen: „Dieter hat gerade mal wieder keine Sprechstunde.“ Und so trübte auch jetzt sein abruptes Schweigen die Stimmung und Freude an unserem Angelausflug nicht.

Morgens standen wir gewöhnlich bereits im Dunkeln auf und fuhren noch im Morgengrauen zu den Stellen am Fluss, die uns am erfolgversprechendsten schienen und angelten dort mit einmal mehr und einmal weniger Petri-Heil. Auf der Rückfahrt am späten Vormittag hielten wir gerne bei einem der Moselwinzer an, probierten seine Weine und kauften ein paar Flaschen für unsere Abendstunden am Kamin.

An einem dieser Abende – es war wohl schon eher mitten in der Nacht – geschah es plötzlich. Wir hatten wie gewohnt nach dem Essen gemütlich beisammen gesessen, hatten Wein getrunken, erzählt und gescherzt und an diesem Abend irgendwie einfach kein Ende gefunden. Das wohlige Gefühl von körperlicher Müdigkeit, gepaart mit dem eines leichten Rausches, umhüllte uns. Dieter saß mir gegenüber und hatte den Kopf gesenkt. Erst dachte sich, er sei eingeschlafen, aber dann fing er an zu reden. Urplötzlich brach es aus ihm heraus: das ganze Elend, das er wohl schon lange mit sich herum trug, der brennende Schmerz um den Verlust der geliebten Tochter, die eigene Ohnmacht, dieses tragische Geschehen weder verstehen noch annehmen zu können, das Schuldgefühl, ohnmächtig versagt zu haben, als es darum ging, der verzweifelten Ehefrau mit Trost und Hilfe zur Seite zu stehen, die immer noch aufflammende Wut auf den Unfallverursacher, die stille Anklage gegen die Unfähigkeit der Ärzte, die das geliebte Kind letztendlich doch nicht hatten retten können. Er redete und redete und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Wie ein Sturzbach brach es aus ihm hervor. Ich saß dabei und konnte weiter gar nichts tun, als ihm schweigend und anteilsvoll zuzuhören.

Ich weiß heute nicht mehr, wie dieser Abend oder besser, diese Nacht, im Einzelnen zu Ende gegangen ist. Sicher habe ich weiter versucht, ihn, als er irgendwann mit dem Reden aufhörte, so gut ich konnte, zu trösten. Genau weiß ich das aber nicht mehr. Dafür erinnere ich mich noch genau daran, wie es war, als wir uns am nächsten Morgen zu ungewohnt später Stunde am Kaffeetisch gegenüber saßen, verkatert und mit verquollenen Augen. Als ich Dieter dabei ansah, bemerkte ich, ein leicht schüchternes Lächeln auf seinem Gesicht, so als wolle er sich etwas beschämt für die vergangene Nacht entschuldigen. Und doch wirkte er dabei wie befreit. Stumm reichten wir uns über den Tisch hinweg die Hand, sahen uns fest in die Augen, und ich spürte, dass unsere Freundschaft nun eine neue, festere Qualität gewonnen hatte.

Nun hatte ich also zwei gute Freunde, Dieter und Rainer. Beiden fühlte ich mich eng verbunden, und es lag mir sehr am Herzen, diese Verbindungen zu erhalten und zu pflegen. Darüber hinaus stellte ich mir vor, wie schön wohl eine Freundschaft zu dritt sein könnte. Dazu hätte ich ich aber zuerst einmal einen Kontakt zwischen den beiden herstellen müssen, denn sie kannten sich ja nicht. Jeder wohnte an einem anderen Ort, stammte aus einem anderen Umfeld, hatte einen anderen Beruf und natürlich auch einen anderen Charakter. Eine gemeinsame Lebenswelt gab es für sie bis dahin noch nicht. Dennoch ließ ich von meinem Wunsch nicht ab, die beiden zusammen zu bringen und so möglicherweise die gewünschte Freundschaft zu dritt zu begründen.

Während ich noch überlegte, wie das zu bewerkstelligen sei, fiel mir wieder jener Abend in der Schlosser Hütte ein, an dem wir so vertraut und harmonisch als Familie beisammen gesessen hatten, und ich so intensiv wie nie zuvor das Gefühl der Verbundenheit miteinander empfunden hatte. Mir war klar, die intime Enge der kleinen Hütte und das Abgeschieden-Sein von allem, was sonst im Alltag bedrängte und beschäftigte, waren damals die Voraussetzungen dafür gewesen. Eine ähnliche Stimmung und Atmosphäre hatte ja auch in Dieters Ferienhaus geherrscht, und war die Grundlage dafür gewesen, dass er sich hatte öffnen und damit den Grundstein zu einer neuen und festeren Beziehung zwischen uns hatte legen können.. Aus beiden Erfahrungen ergab sich für mich nun ganz klar, dass mein Vorhaben, eine Freundschaft mit beiden zu schließen, am besten auf einer Hütte zu verwirklichen war. Und ich wusste zugleich auch schon, wo eine solche stand, nämlich auf der Fürst Alm.

Die Fürst Alm liegt auf einem Bergrücken gegenüber der Gemeinde Stall, unserem geliebten Urlaubsort im Kärntner Mölltal. Auf dem Scheitel dieses Bergkammes befindet sich, nach beiden Seiten hin abfallend, eine große Lichtung mit ausgedehnten Almwiesen im Bergwald. Dort hinauf hatten die Staller Bauern, ähnlich wie auf die benachbarte Wölla Alm, schon immer ihr Vieh getrieben. Ein sogenannter „Ochsner“ hütete die Tiere über die Sommermonate hinweg und wohnte dort so lange in einer einfachen Almhütte.

Während unserer Kärntner Urlaube waren meine Frau und ich schon mehrfach dorthin hinauf gewandert und kannten deshalb auch den damaligen Ochsner recht gut. Manchmal allerdings wäre es uns ganz recht gewesen, wenn wir ihn bei einem solchen Besuch nicht angetroffen hätten, denn sein Äußeres und auch teilweise sein Benehmen hatte etwas leicht Abstoßendes an sich. Allein über Wochen und Monate auf der Alm hausend, nahm er es mit Körperpflege und Reinlichkeit offenbar nicht ganz so genau. Dabei freute er sich jedesmal richtig über unseren Besuch, der für ihn ja eine willkommene Abwechslung in seinem Alm-Alltag bedeutete. Er begegnete uns daher stets höflich und gastfreundlich und bot uns meist sogar etwas zu essen und trinken an. Allerdings lehnten wir sein Angebot aus hygienischen Gründen meistens dankend ab. Nur, wenn es nicht anders ging, nahmen wir, um ihn nicht zu beleidigen, vorsichtig mit spitzen Lippen einen kleinen Schluck aus seiner Schnapsflasche, die er uns stets freigiebig hinhielt, die allerdings aber halt auch nicht ganz sauber war. „Alkohol desinfiziert!“, dachten wir uns dabei zum Trost.

So wenig einladend wie das Aussehen und die Art des Almhirten, war auch der Zustand seiner Hütte. Wir gingen deshalb erst gar nicht hinein, sondern blieben auf der Wiese davor oder auf der kleinen Veranda neben der Hüttentür sitzen. Ein Blick in das Innere hatte uns schon genügt, um die dort herrschende Unordnung zu sehen und um möglichen Schmutz und üblen Geruch zumindest erahnen zu lassen. Darin zu übernachten oder gar mehrere Tage in ihr zu verbringen, wäre damals für uns undenkbar gewesen.

Das alles änderte sich, als Toni die Renovierung der Hütte in die Hand nahm. Toni war der Sohn unserer vertrauten, langjährigen Gastgeber, die zu den Familien im Ort gehörten, denen im Zuge einer besonderen Berechtigung, Nachbarschaftsberechtigung genannt, die Nutzung der Fürst Alm erlaubt war. Im Laufe der Jahre war aber auch in Stall die Viehhaltung stark zurück gegangen. Nur noch wenige Nachbarschaftsberechtigte hielten jetzt im Sommer noch dort ihre Tiere. Ein Ochsner war nicht mehr nötig. Die Alm war inzwischen durch einen Fahrweg erschlossen, und die Bauern konnten so selbst öfter nach ihren Tieren sehen. Da es sich dabei außerdem nur noch um Jungvieh und Tiere in der Übergangszeit handelte, war auch ein tägliches Melken nicht mehr erforderlich. Die Almhütte wurde deshalb kaum noch benutzt und drohte allmählich zu zerfallen. Um dem entgegen zu wirken, entschlossen sich die Mitglieder der Nachbarschaftsberechtigung zu einer gründlichen Renovierung.

Den Hauptanteil der Arbeiten übernahm Toni, der es vom gelernten Maurer zum leitenden Bauführer einer großen internationalen Firma gebracht hatte. Unter seiner Leitung und tatkräftigen Mithilfe wurde zunächst das Fundament der Hütte saniert und all das, was am Holzaufbau brüchig gewordenen war, erneuert. Der als Küche dienende Raum wurde gesäubert und der Herd darin neu aufgebaut. Neue Fenster sorgten für mehr Helligkeit. Zwei zusätzliche und nur für Nachbarschaftsberechtigte zugängliche Kammern erweiterten nun den Innenraum. Und so stand die Fürst Alm-Hütte nach Abschluss der Arbeiten wieder für einer ordentliche Nutzung bereit. Die Eingangstür blieb unverschlossen, sodass jedermann, gleich ob berechtigter Einheimischer oder fremder Wanderer, die Hütte betreten und den Vorraum samt Küche benutzen konnte. Nach wie vor fehlten allerdings eine Toilette und fließendes Wasser. Dazu musste man sich immer noch in den nahen Wald, beziehungsweise zu einer in einen Holztrog fließenden Quelle etwas unterhalb der Hütte begeben.

Als ich beim nächsten Aufenthalt in Stall Gelegenheit hatte, mir selbst ein Bild vom Ergebnis der Erneuerung zu machen, entstand in mir der Wunsch, dort in der herrlichen Berglandschaft nicht nur wie sonst, ein paar Stunden, sondern vielmehr einige Tage zu verbringen. Wie immer freundlich und entgegenkommend, erlaubte Toni mir die Benutzung der Hütte. Es lag nun an mir, die Freunde für dieses Vorhaben zu motivieren.

Bei einem Treffen zu dritt, bei dem sich Rainer und Dieter zum ersten Mal sahen, unterbreitete ich den beiden meinen Vorschlag. Mittels ausführlicher Beschreibungen und zahlreicher Bilder versuchte ich, ihnen mein Vorhaben schmackhaft zu machen. Beide fanden an meiner Idee Gefallen, und da sie sich zudem auch von Anfang an sympathisch waren, sagten sie ohne zu zögern zu. Nun ging es ans Planen. In der sich anschließenden, oft recht lebhaft geführten Diskussion über mögliche Termine, Fahrtrouten, Programmgestaltung und Küchenzettelplanung bot sich den beiden möglichen neuen Freunden eine gute Gelegenheit, bereits jetzt schon etwas vom Charakter und den Eigenheiten des jeweils anderen kennenzulernen. Nach vielem Hin und Her war irgendwann alles zur Zufriedenheit aller geregelt, und wir sahen nun freudig und gespannt dem geplanten Unternehmen entgegen.

An einem schönen Sommermorgen starteten wir. Als Geschäftsführer seiner Firma stellte Rainer unser Gefährt, einen geräumigen Wagen der gehobenen Mittelklasse, dessen Raumangebot durch die Fülle unseres Gepäcks dann allerdings doch schon ziemlich an seine Grenzen kam. In flotter Fahrt ließen wir die heimischen Gefilde hinter uns und erreichten gegen Nachmittag unser Ziel. Toni händigte uns den Schlüssel für die Hütte aus und versah uns noch mit Hinweisen und guten Ratschlägen für deren Benutzung. Bevor wir endgültig zu ihr hinauf fuhren, besuchten wir noch den kleinen Lebensmittelladen im Ort, um unseren Proviantvorrat aufzustocken. Dabei merkten wir jedoch wieder, wie begrenzt das Platzangebot unseres Autos war. Etwas sorgenvoll mussten wir nämlich feststellen, dass nun nur noch ein Kasten Bier in den Kofferraum hinein passte, und das für für drei Männer und für fast eine ganze Woche. Mehr zu laden, trauten wir uns aber nicht, da der Wagen bereits jetzt schon ein wenig tiefer zu iegen schien. Auf dem schmalen und steinigen Fahrweg zur Hütte hinauf waren, mussten Dieter und ich sogar aussteigen, damit der Wagens nicht auf dem Mittelstreifen schleifte.

Schließlich kamen wir aber dann doch glücklich und unbeschadet oben an, wo uns sogleich ein Schar neugieriger Kühe umringte. Das stellte uns sogleich vor ein neues Problem. Die Rindviecher näherten sich nämlich dem noblen Gefährt so bedrohlich, dass wir befürchteten, sie könnten ihn mit ihren Hörnern und durch derbes Anstoßen beschädigen. So gut es ging, verscheuchten wir sie deshalb, luden dann schnell das Auto aus, fuhren es so dicht wie möglich an die äußere Hüttenwand und errichteten darum aus herumliegenden Brettern, Balken und alten Dachziegeln einen zwar etwas abenteuerlich aussehenden, dafür aber dennoch schützenden Zaun. Erst dann fanden wir Zeit und Muse, uns in der Hütte wohnlich einzurichten.

Wir bezogen die Stube, die zu Tonis persönlichem Hüttenanteil gehörte. Es gab dort aber nur ein Stockbett für zwei Personen, und so richtete ich mir mein Nachtlager im Vorraum ein, der sonst als Küche und Aufenthaltsort für jedermann diente. Die Aufgabenverteilung unter uns dreien war klar geregelt. Rainer war für die Wasserversorgung aus dem Quelltrog unterhalb der Hütte zuständig. Dieter hielt den Herd mit Feuerholz aus einem benachbarten Schuppen in Gang. Am Abend wurde es nämlich aufgrund der Höhenlage von über 1600 m empfindlich kühl auf der Alm, und außerdem brauchten wir das Feuer ja auch zum Kochen. Ich selbst besorgte die Küche, wobei dann für den Abwasch wieder alle zuständig waren.

Wir hatten eine herrliche Zeit miteinander. Nach dem Frühstück erkundeten wir die nähere Umgebung der Alm, sammelten Pilze im Wald, unterhielten uns, hörten Musik von Kassette und Disc oder saßen einfach nur da und genossen die schöne Aussicht auf die umliegende Bergwelt. Zu den Mahlzeiten, für deren Zubereitung ich oft Lob gelegentlich aber auch ein wenig Spott erntete, versammelten wir uns um den Küchentisch oder draußen auf der Veranda vor der Hütte. Die Abende verbrachten wir meist mit Karten- oder Würfelspiel. Bei alledem wurde viel gelacht, denn zumindest einem von uns fiel immer etwas Komisches ein.

In dem harmonischen Umgang miteinander, spürten wir, wie sich die Beziehungen von einem zum anderen festigten, wie unsere Freundschaft wuchs. Dazu kam, dass es hier in der Abgeschiedenheit der Alm, losgelöst und weit weg vom alltäglichen Leben, keine Rolle mehr spielte, was einer war, ob nun Pfarrer, leitender Angestellter oder erfolgreicher Geschäftsführer oder wieviel er verdiente und was er besaß. Hier zählte nur noch der Kamerad und Freund. Hier waren wir einfach nur noch Menschen, die Schönes miteinander erlebten, Menschen, die sich dabei allerdings manchmal so benahmen, als seien sie noch kleine Lausbuben.

Es war dieses Mal aber nicht nur ein einziges Erlebnis, das uns enger zusammenschloss, so wie damals an jenem Abend in der Schlosser Hütte mit den Meinen, es war vielmehr die Summe aller Erfahrungen, die wir während des gesamten engen Zusammenlebens auf der Hütte miteinander machten.

Ein Erlebnis dieser Tage allerdings hinterließ bei uns allen einen besonderen Eindruck. Es begann schon am Abend davor. Dieter hatte die Hütte verlassen, um im nahe gelegenen Wald einen gewissen Ort aufzusuchen. Als er nach ungewöhnlich langer Zeit nicht zurückgekehrt war, beschlossen, wir nachzusehen. Beim Öffnen der Hüttentür schlug uns dichter Nebel entgegen. Wir wollten gerade ansfangen, nach Dieter zu rufen und ihn zu suchen, als er uns aber auch schon aus dem Nebel heraus entgegenkam. Etwas aufgeregt erzählte er, der Nebel sei so dicht gewesen, dass er den Lichtschein der Hütte nicht mehr hätte sehen und den gewohnten Weg nicht mehr hatte erkennen können. Beim Versuch, zur Hütte zurückzukehren, habe er die Orientierung verloren und sich trotz des relativ kurzen Weges mehrfach verlaufen. Nur dadurch, dass er sich an markante Stellen am Boden wieder erinnern und sich von ihnen her orientieren konnte, sei ihm schließlich die Rückkehr gelungen. Mir fiel dabei ein, wie Einheimische mich früher schon vor aufkommendem Nebel bei Bergtouren gewarnt und darauf hingewiesen hatten, dass man dann sofort stehen bleiben müsse, weil man bei einem Weitergehen gar nicht mehr wissen könne, ob es bergauf oder bergab gehe. Erleichtert über Dieters glückliche Heimkehr feierten wir dieses Ereignis mit einem fröhlichen Umtrunk.

Am nächsten Morgen war vom Nebel nichts mehr zu sehen. Die Alm lag im hellen Sonnenschein. Wir machten uns auf, um zum Törlkopf aufzusteigen, einem Gipfel, nicht unweit der Alm. Der Weg war zwar steil, aber nicht sonderlich schwierig. Zuerst ging es auf einem kaum markierten, aber dennoch gut sichtbaren Pfad über Almwiesen in einen lichten Lärchenwald hinein. Hier bedeckte ein Dickicht zahlloser Blaubeersträucher den Boden zu Füßen alter, mächtiger Lärchenstämme. Leider waren die Beeren noch nicht reif, sodass wir uns daran nicht gütlich tun konnten. Auf früheren Wanderungen hatte uns hier schon einige Male das laute Flügelklatschen eines Auerhahns erschreckt, der, von uns gestört, seinen Ruheplatz auf einem Ast verllassend auf kräftigen Schwingen durch den Bergwald davon geflogen war. Heute aber blieb alles ruhig, und wir erreichten bald den Viehkaser, eine weitere kleinere, etwas höher gelegene Alm.

Nun änderte sich die Vegetation. Der Wald trat zurück und gab den Blick auf kaum bewachsene Matten frei. Hier und da ragte das Skelett einer längst abgestorbenen und durch Wind und Wetter silbergrau gebleichten Zirbelkiefer als bizarres Gebilde in den tiefblauen Himmel. Als wir den Rand des Grats , der zum Gipfel hinauf führte, erreicht hatten und von dort aus hinunterblickten, sahen wir, dass es mit dem Nebel längst nicht vorbei war. Nur lag er jetzt tief unter uns und bedeckte das ganze Tal mit einer weiß-grauen watteartigen Wolkenschicht. Auch die Berggipfel uns gegenüber und im weiten Umkreis schienen in einem Meer von Watte zu schwimmen.

Nachdem wir über den langezogenen Grat den Gipfel des Törlkopfs erreicht hatten und unter dessen hölzernem Gipfelkreuz standen, faszinierte uns immer noch der Anblick der dichten Wolkendecke, die uns von der Welt da unten hermetisch abschirmte. Alles, was da im Tal lag und passierte, schien auf einmal mit uns nichts mehr zu tun zu haben, war plötzlich unwichtig und unbedeutend für uns. Es kam uns vor, als seien wir die einzigen Menschen auf der Welt, einer Welt, in der nur noch wir drei zählten, wir und das, was uns in Freundschaft verband.

Wenn ich heute, viele Jahre später und längst wieder unten im Tal unserer alltäglichen Wirklichkeit angelangt, darauf zurückblicke, frage ich mich natürlich schon: Welche Auswirkungen haben die Erlebnisse von damals tatsächlich auf unsere Freundschaft gehabt? Ist sie dadurch wirklich fester geworden, so wie ich es mir gewünscht und vorgestellt hatte? Und was ist letztlich von ihr geblieben? Nun, berufliche, familiäre und sonstige Veränderungen bei uns allen haben im Laufe der Jahre häufigere Verbindungen oft nicht zugelassen. Es gab zwar gelegentliche Treffen und Besuche, aber auch längere Zeiten, die völlig ohne Kontakt blieben. Schließlich hatte man sich beinahe ganz auseinander gelebt. Und doch war da, wenn auch unterschwellig, ein Band von Vertrauen und Vertrautheit vorhanden, eine Basis, von der her es dann auch möglich war, dass man in schwieriger und sogar lebensbedrohender Lage wieder zueinander fand und in nahezu selbstverständlicher Weise, Rat und Weiterhilfe voneinander in Anspruch zu nehmen konnte. Ohne unser Hüttenerlebnis, so denke ich, wäre das wohl nicht möglich gewesen.


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6 – Die Schlosser Hütte (Teil 2)

Es war meine Frau, von der die lähmende Schreckensstarre zuerst abfiel. Getrieben von gewohnt mütterlichen als auch hausfraulichen Instinkten, schickte sie zunächst die bang dreinschauenden Kinder zum Spielen nach draußen, und fing an, drinnen Hand anzulegen.. Mir gab sie den Auftrag, die sterblichen Überreste der einst so erfolgreichen Mäusejagd schleunigst zu entsorgen, was ich dann auch unverzüglich nicht ohne einigem Widerwillen tat. Mit Besen und Lappen aus der Rumpelkammer säuberten wir die Hütte so gut es ging, holten dann unsere Rucksäcke herein, wobei wir den im Gras vor der Hütte spielenden und immer noch ein wenig betrübt dreinblickenden Kindern scherzhafte und wie wir hofften, aufmunternde Worte zuriefen.

Mit etwas spitzen Fingern nahmen wir sodann das Bett in der ersten Kammer unter die Lupe. Darin hatten, wie wir wussten, im letzten Herbst die Jäger geschlafen. So wie Laken, Kissen und Bettdecke aussahen, mussten sie es wohl in ihren Stiefeln getan haben. Außerdem legten zahlreich verbreitete dunkle Flecke sowie ein gewisser Geruch die Vermutung nahe, dass sie sich dabei wohl zum Schutz gegen die Kälte von ihren treuen Vierbeinern hatten wärmen lassen. Aber aller Ekel und alles Naserümpfen halfen nichts. Das Bett musste zumindest für die Kinder hergerichtet werden. Wo sollten sie auch sonst schlafen?!

Wer auf eine längere Bergtour geht, hat gewöhnlich außer Proviant und Ersatzkleidung auch Handtücher dabei. Zum Glück hatten wir gleich mehrere mitgenommen, und konnten so mit ihrer Hilfe und einigen Kleidungsstücken das schmuddelige Bett in ein halbwegs sauberes Nachtlager verwandeln. Darauf sollten Miriam und Matthias in ihren Trainingsanzügen schlafen. Auf die muffige Bettdecke verzichteten wir ganz und hängten sie einfach über einen der Deckenbalken, wobei uns Blätter und Stengel des trockenen Heus über Kopf und Schultern rieselten und uns so einen anhaltenden Juckreiz schenkten. Für uns selbst befreiten wir die Matratzen des zweiten Bettes aus ihrem Durcheinander, in der Absicht, sie später zur Schlafenszeit in einer Reihe zwischen Bett und Tisch auf den Fußboden zu legen. Leider hatten wir für sie und uns kein sauberes Abdeckmaterial mehr.

Beim nochmaligen Durchstöbern des Nebenraumes fand ich einen Eimer, eine Kanne sowie eine große Schüssel, immerhin Geräte, die geeignet waren, unseren Bedarf an Koch-, Spül- und Waschwasser aus dem nahen Wöllabach zu decken. Mit vereinten Kräften gelang es uns schließlich, unser Quartier einigermaßen annehmbar und wohnlich herzurichten.

Der Sturm der Empörung über die vorgefundenen Verhältnisse, der in uns anfangs so heftig getobt hatte, legte sich allmählich, und wir fingen an, die landschaftliche Schönheit der uns umgebenden Alm wieder zu genießen.

Als es Abend wurde und die Dämmerung einsetzte, riefen wir die mittlerweile nun auch wieder fröhlicher gewordenen Kinder zu uns herein und begannen mit der Vorbereitung des Abendessens. Ich entfachte auf den Steinen der Feuerstelle ein kleines Feuer und stellte mittels eines eisernen Dreibeins einen Topf mit Teewasser auf. An das über uns lagernde trockene Heu denkend, blickte ich dabei etwas besorgt nach oben, um zu sehen, wohin Rauch, Funken und Hitze entweichen würden. Einen richtigen Kamin gab es ja nicht, sondern nur eine von Ruß und Rauch kohlschwarz gefärbte Abdeckplatte mit einem Abzugsloch in der Mitte. Da die Hütte aber all die Jahre hindurch von einem Band verschont geblieben war, hoffte ich schlicht, dass jetzt wohl auch nichts passieren würde. Trotzdem achtete ich sorgsam darauf, das Feuer nicht zu allzu groß werden und die Flammen nicht allzu hoch schlagen zu lassen. Bald erfüllte aber der wohlriechende Duft würziger Knödelsuppe und gebratener Eier mit Speck die Hütte. Wir saßen um den Tisch herum und ließen es uns schmecken. Alle langten kräftig zu, denn der anstrengende Aufstieg und der ständige Aufenthalt in der frischen Luft hatten uns einen ordentlichen Appetit beschert.

Nach dem Essen saßen wir im Schein von Kerzen und der Petroleumlampe in gemütlicher Runde beisammen. Unversehens breitete sich plötzlich eine eigentümlich anmutende Atmosphäre um uns aus. Wir fühlten uns frei und gelöst. Alles Unangenehme war von uns abgefallen, und nur noch das Schöne des Tages erfüllte unsere Herzen und Sinne. Lampenlicht und Kerzenschein erhellten traulich nur noch unsere gemütliche Familienecke und ließen alles Störende in ein gnädigen Dunkel versinken. Eine fröhliche, ja euphorische Stimmung erfasste uns. Spontan fing eines der Kinder zu singen an, das andere stimmte ein, und schließlich ließen wir alle die alten Bergvagabunden noch einmal hochleben. Andere Lieder folgten unwillkürlich. Und so sangen wir unsere Lust und alles, was noch eventuell an Frust in uns vorhanden war, einfach aus uns heraus.

Dadurch, dass der Lichtschein nur uns beleuchtete und alles andere ausschloß entstand das Gefühl, als seien nur wir vier allein auf der Welt. Wie Strahlen durch ein Brennglas auf einen Punkt gebündelt, erschien unser ganzes Leben auf diesen einen Moment in der Hütte hier reduziert und konzentriert zugleich. Was heute, was gestern war, was morgen sein wird, das war völlig ausgeblendet. Es zählte nur noch das Hier und Jetzt, nur noch dieser kleine Ausschnitt, so wie wir jetzt um diesen derben Holztisch herum saßen, miteinander sangen, lachten und spielten.

Niemals zuvor hatte ich die Verbindung und den Zusammenhalt unserer Familie so intensiv gespürt, wie in der Enge dieser alten Almhütte. Niemals zuvor hatte ich – wenn auch unausgesprochen – die Liebe zu den Meinen in mir so stark gefühlt, als in diesem Augenblick, da ich in der Runde um mich herum in ihre vom warmen Kerzenlicht erhellten Gesichter blickte. Natürlich hatten wir zu Hause oft, ja täglich, beim Essen oder bei anderen Gelegenheiten in derselben Runde zusammen gesessen, aber da war es anders gewesen. Da hatte immer noch Anderes, Sichtbares oder Unsichtbares, mit am Tisch gesessen, Anderes, das die Familie nicht betraf, das ihre Harmonie störte oder gar zu zerstörten drohnte. Hinzu kam, dass wir uns in dem großen, mehrräumigen Pfarrhaus, das wir bewohnten, nur allzu leicht aus dem Weg gehen konnten und das ja auch taten. Und so schien mir die Enge dieser Hütte das Gefühl unserer Zusammengehörigkeit dagegen ungleich stärker und deutlicher hervortreten zu lassen, als es sonst möglich war. Ich erinnere mich noch genau an die Hochstimmung, in der ich mich in diesem Augenblick befand, und an den Frieden, der da in mir eingezogen war.

Allerdings war es mit Hochgefühl und Frieden recht bald vorbei, als es nämlich dann etwas später ans Schlafen gehen sollte. Die Kinder hatten dabei weiter keine Probleme. Müde und geschafft von all den Anstrengungen und Erlebnissen des Tages waren sie recht bald in ihrem gemeinsamen Bett eingeschlafen. Wir, die Eltern, hatten es dagegen nicht so leicht. Die drei hintereinander gelegten Matratzen boten für zwei kräftige Erwachsene wie wir nur wenig Platz. Also legten wir uns „löffelchensweise“, eben so, wie man Löffel dicht aneinander in die Besteckschublade legt. Das bedeutete aber, dass ein Bewegen und Sich- Umdrehen nur in synchronisiertem Rhythmus möglich war, was aber weder das Ein- noch das Weiterschlafen erleichterte. Da wir beide am Ende dieses Tages aber auch sehr müde waren, gelang es uns schließlich irgendwie doch. „Mir ist eben eine Maus übers Gesicht gelaufen!“ Mit diesem erschreckten Aufschrei unterbrach meine Frau plötzlich die eingetretene Stille. Schnell ergriff ich die bereitgelegte Taschenlampe und leuchtete suchend umher, konnte aber einen vermeintlichen Störenfried nirgends entdecken. Allmählich gelang es mir, mein aufgeschrecktes Eheweib wieder einigermaßen zu beruhigen. Wir begaben uns wieder in die bewährte Löffelstellung und versuchten weiterzuschlafen. Doch kurz darauf wischte nun mir ein unbekanntes Etwas über Augen und Nase. Beherzt griff ich zu und hielt – nicht etwa eine Maus oder sonst ein Getier, sondern nur einen stark vertrockneten Blütenstengel zwischen den Fingern. Jetzt war uns klar, nicht die Überlebenden der einstmals so erfolgreichen Mäusejagd störten unsere angestrebte Nachtruhe, sondern lediglich Teile des über uns befindlichen Heus schwebten von Zeit zu Zeit, aus ihrem Ballen gelöst, von der Decke hernieder und machten auch vor uns Ruhe Suchenden keinen Halt. Durch diese Erkenntnis erleichtert, wenn auch nicht gerade davon begeistert, suchten wir wieder den Schlaf, dessen einzelne Schlummerphasen allerdings immer wieder durch die gemeinsamen Dreh- und Wendeübungen unterbrochen wurden. Als schließlich graues Morgenlicht durch das kleine Hüttenfenster drang, hatte ich genug von dieser seltsamen Schlafgymnastik, stand leise auf und begab mich nach draußen auf die kleine Hüttenveranda.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, jedoch kündigte ein gelblicher Himmel über dem dunklen Kamm des gegenüber liegenden Bergrückens ihr nahes Kommen an. Während ich so sinnierend vor der Hütte saß und zu der scharfen Trennlinie zwischen dunklem Berg und hellem Himmel hinüberblickte, sah ich, wie sich dort plötzlich mehrere schwarze Punkte vom hellen Hintergrund abhoben und sich dann langsam dem Talgrund zu bewegten. Mir war sofort klar, dass es sich hierbei um irgendwelche Tiere handeln musste. Aber um welche? Das rasch herbeigeholte Fernglas verschaffte schnell Klarheit. Ein gutes Dutzend Rothirsche war dort unterwegs, zunächst ausnahmslos aus weiblichen Tieren bestehend. Erst nach einer guten Weile tauchte auch ein männliches Exemplar auf, das in einigem Abstand und immer wieder nach allen Seiten sichernd etwas zögerlich dem Rudel folgte. Rotwild im Gebirge wird ja nie so stark wie dessen Verwandte im Flachland, aber dieser hier war dennoch ein recht stattlicher Geweihträger. Da es für die Brunftzeit jetzt noch viel zu früh war, fand ich sein Verhalten ein wenig ungewöhnlich, denn er konnte wohl kaum schon der Chef und Herrscher der Herde sein, sondern eher ein lediglich frühzeitig am weiblichen Geschlecht Interessierter.

Wie dem auch sei, mein Herz tat bei diesem unverhofften Anblick einen wahren Freudensprung. Ich war auch schon drauf und dran, die schlafende Famile zu wecken, um auch sie an diesem Naturschauspiel teilhaben zu lassen, bis mir einfiel, dass es wohl nicht ratsam sei, ihren erholsamen Schlaf eingedenk sowohl der gestrigen als auch der heute zu erwartenden körperlichen Anstrengungen deswegen zu verkürzen. Also blieb ich sitzen und genoss das sich mir darbietende Naturschauspiel für mich alleine, bis die Tiere meinem Blickfeld entschwunden waren.

Geräusche und Laute aus dem Innern der Hütte verrieten mir aber bald darauf, dass auch die restliche Mannschaft nun wach geworden war und ihre Nachtruhe beendet hatte. Nach einer den spartanischen Gegebenheiten der Hütte entsprechenden etwas flüchtigen Morgentoillette und einem ebenso spärlichen Frühstück machten wir uns fertig, um den zweiten Tag unserer Bergwanderung in Angriff zu nehmen. Nachdem wir aufgeräumt und zusammengepackt hatten, schlossen wir die Tür unserer Herberge, in der uns so viele zwiespältige Empfindungen und Erfahrungen zuteil geworden waren, sorgfältig ab und kehrten ihr, bereit für die zu erwartenden neuen Erlebnisse, frohen Herzens den Rücken.

Auf einer aus rohen Baumstämmen zusammengefügten kleinen Brücke überquerten wir den rauschenden Wölla-Bach und folgten dann einem auf Felsen und Steinen immer wieder rot-weiß markierten Wanderpfad über mehrere Geländestufen hinauf. Die jeweils nur moderate Steigung sowie die Kühle des jungen Morgens machten das Gehen leicht und angenehm. Je höher wir kamen, desto spärlicher wurde die Vegetation. Hatten uns anfangs noch rotblühende Almrosensträucher begleitet, so beschränkte sie sich bald auf nur noch braun-grünen Alpenrasen auf steinigem Untergrund. In einem weiten Kessel begrüßte uns der blinkende Wasserspiegel des sogenannten Feldsees, eines wohl aus Schmelzwasser gebildeten flachen Gewässers mit geringen Ausmaßen. Sein gegenüberliegendes Ufer war von weitläufigen Geröllhalden gesäumt. Als wir hier zwecks einer Verschnaufpause kurz innehielten, ertönte plötzlich ein durchdringender, laut schrillender Pfiff, der uns alle unwillkürlich erschreckt zusammenfahren ließ, unmittelbar gefolgt von einem zweiten. Es gab aber keinen Anlaß zu echter Besorgnis, denn dieses alarmierende Pfeifen war ja lediglich der Warnruf eines Wächters der Murmeltierkolonie, die dort in den Blockhalden ihre Baue hatte. Nach eifrigem Spähen konnten wir den aufrecht sitzenden Mahnrufer auf einem erhöhten Felsbrocken ausmachen und sahen auch später, wie das eine oder andere Murmeltier sich zwischen den Steinen dort bewegte.

Weiterhin den Wegmarkierungen folgend, stiegen wir zum Schluss zu einer lückenartigen Einbuchtung im Bergkamm hoch, dem Glenktörl. Von dort ging es dann zwar etwas steiler aber ohne wirklich schwierige Passagen auf Rasenpolstern und Felsgestein den Grat hinauf zum Gipfel mit dem mehrere Meter hohen Gipfelkreuz. Aus großen, länglichen Aluminiumplatten balkenartig zusammengefügt und auf vier Seiten mit Stahlseilen fest im Boden verankert, hob es sich, silbern in der Sonne glänzend, vom strahlend blauen Morgenhimmel ab. Im unteren Teil der Stammstrebe befand sich ein mit einer Sicherungsklappe versehenes Fach, das als Aufbewahrungsort für das Gipfelbuch diente. Hier war es vor Wind und Wetter geschützt. Bevor wir uns aber damit befassten, wünschten wir uns, froh über den gelungenen Aufstieg, gegenseitig ein kräftiges und herzliches „Berg Heil“ und genossen anschließend die herrliche Aussicht, die uns hier vom Kreuzeckgipfel aus geboten wurde.

Der Blick ging über die felsigen Kuppen der Ragga-Köpfe hinweg in Richtung Osten bis hin zum Striedenkopf. Dahinter war im blauen Dunst der Polinik mehr zu erahnen als zu wirklich zu sehen. Nach Westen hin setzte sich der Grat, den wir gerade bezwungen hatten, dort wieder steil ansteigend, zum Gipfel des Hochkreuzes fort. Hinab blickend, erkannten wir unter uns den blau schimmernden Feldsee und viel weiter darunter die miniaturhaft klein wirkenden Hütten der Wölla Alm. Über die ziemlich schroff vor uns abfallenden Hänge der Südseite hinweg entdeckten wir in einer sanft geschwungenen Bodenmulde den ebenfalls verschwindend klein aussehenden Glanzsee mit der Feldner-Hütte an seinem Ufer, unserem nächsten Etappenziel. Eine ganze Weile nahm uns die Aussicht auf die herrliche Bergwelt um uns herum gefangen. Doch dann meldete sich bei allen der durch die viele Bewegung in der frischen Bergluft hervorgerufene Hunger . So breiteten wir etwas unterhalb des Kreuzes eine Decke auf dem Boden aus und stärkten uns mit dem restlichen Proviant aus unseren Rucksäcken.

Bevor wir wieder aufbrachen, holte ich das Gipfelbuch aus seinem Versteck, trug darin zunächst die Daten unserer Wanderung ein und schrieb dann, überwältigt von den Gefühlen dieses momentanen Bergerlebnisses, den Satz aus dem 121.Psalm dazu: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?! Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat!“ Anschließend fotografierte ich den Eintrag,  datierte und unterschrieb ihn und ließ auch alle Familienmitglieder ihre Namen darunter setzen. Deswegen wissen wir auch heute noch, wann genau diese Gipfelbesteigung stattfand, nämlich am 25. Juni 1982. Jenes Erinnerungsfoto gewann dann später aber noch mehr an Bedeutung. Als wir es uns nämlich zuhause einmal näher ansahen, rief unser achtjähriger Bub plötzlich entsetzt aus: „Ich muss noch einmal auf den Berg hinauf. Ich habe ja bei meinem Namen Matthias die beiden t-Striche vergessen!“. Dieser Ausspruch ließ jene Episode zu einer unvergesslichen Erinnerung in unserer Familie werden.

Der Abstieg zur Feldner-Hütte erfolgte über einen schmalen und sehr steilen Wandersteig, der sich serpentinenartig in etlichen Zick-Zack-Windungen den abschüssigen Hang hinab zog. Da auf ihm  meist rutschige Steine lagen, ermahnte ich die Meinen, hier besonders vorsichtig zu sein und auf gute Trittsicherheit zu achten. Wir kamen aber zügig voran, und bald sahen wir die grüne Flagge mit dem großen weißen Edelweiß, dem Zeichen des Österreichischen Alpenvereins, vor dessen Vereinshütte im Winde wehen.

Hier in der Feldner-Hütte war alles anders als gestern in der mehr als bescheidenen Schlosser Hütte. Hier gab es gemütlich eingerichtete Zimmer, saubere Toiletten und sogar warmes Wasser. Die Mahlzeiten kamen aus der Hüttenküche. Ein bequemes Matratzenlager stand für die Nacht bereit. Alles wirkte wieder völlig normal, wie im sonstigen Leben auch. Wir nahmen es erleichtert zur Kenntnis. Und doch, obwohl wir diese Annehmlichkeiten natürlich mit Freuden in Anspruch nahmen und jetzt auch richtig genossen, hinterließ der gesamte Aufenthalt auf der Feldner-Hütte dann doch eigentlich keinen einzigen bleibenden Eindruck in mir, sodass ich mich heute kaum noch an Wesentliches davon erinnern kann. Alles verlief so glatt und unspektakulär – halt eben wie gewohnt.

Der nächste Morgen begrüßte uns wieder einmal mehr mit einem strahlenden Sonnenschein und einem tiefblauem Himmel. Die Rucksäcke geschultert, machten wir uns auf den langen Weg hinunter Richtung Drautal. Ein weitaus besserer Pfad führte an einem munter sprudelnden Bach entlang. Rechts und links davon prangten, soweit das Auge sah, blühende Alpenrosenfelder in einem leuchtenden Rot, das einen prächtigen Kontrast zum tiefen Blau des Morgenhimmels bildete. Vergnügt und frohen Mutes wanderten wir, stets dem Bache folgend, bergab. Bald erfüllte frohes Singen die Morgenluft, und manch heiterer Scherz verkürzte uns die Zeit. Ab und zu machten wir Rast, um auszuruhen, und den Kindern Gelegenheit zu geben, an spontan erfundenen Spielen, wie etwa dem Eröffnen und Betreiben eines imaginären Steine-Geschäftes, ihren Spaß zu haben.

Im Laufe der Zeit jedoch wurden ihre Spiele weniger und  unsere Lieder matter, bis sie schließlich ganz verstummten. Langsam aber sicher gingen mir auch die zur Aufmunterung der Truppe gedachten Witze und Anekdoten aus. Der Grund dafür war ganz einfach die immer größer werdende Anstrengung, die uns beim Gehen abverlangt wurde. Unser Weg war, obwohl ständig abwärts führend, doch sehr steil und forderte ständige Aufmerksamkeit. Vor allen Dingen war er sehr lang. Unsere Ruhepausen wurden deshalb häufiger und damit auch die Fragen der Kinder “Wann sind wir denn da?“ und „Wie lange denn noch?“. Aber auch uns Erwachsenen machte das stundenlange Bergabgehen ganz schön zu schaffen. Immerhin sind es von der Feldner-Hütte bis zum Gaugenhaus gut und gerne 15 Kilometer.

Sehr müde und abgekämpft erreichten wir schließlich die Stelle, an der unser Pfad in den breiten Fahrweg zum Gaugenhaus einmündete, und wo uns unsere Freunde, wie vor dem Urlaub abgesprochen, nun schon eine geraume Zeit erwartet hatten und jetzt mit lautem „Hallo!“ begrüßten.

Vom Rest dieses Tages fehlt mir – ähnlich wie beim Aufenthalt auf der Feldner-Hütte – größtenteils die Erinnerung. Ich weiß heute ebenfalls nicht mehr, was wir da im Einzelnen mit unseren Freunden gemacht und wie wir uns von unserer strapaziösen Wanderung erholt haben. Sicher haben wir uns viel von unseren jeweiligen Erlebnissen zu erzählen gehabt und sicher haben wir auch gut miteinander gevespert. Aber das ist mir  nicht mehr gegenwärtig.

Vollkommen gegenwärtig und bewusst ist mir aber bis heute, was dann später auf unserer Heimfahrt in mir vorgegangen ist. Unser Freund saß am Steuer seines Wagens, um uns zuerst nach Greifenburg hinunter, dann durch das Drautal, anschließend um das Bergmassiv herum, hinein ins Mölltal  und schließlich wieder heim nach Stall zu bringen. Ich saß auf dem Beifahrersitz, meine Frau und die Kinder auf der Rückbank. Aufgrund der körperlichen Anstrengung des Tages waren sie bald eingeschlafen. Auch ich hatte die Augen zwar geschlossen, schlief aber nicht. Ganz plötzlich sah ich wieder dieses Bild vor mir, wie wir gestern Abend beim Schein der Kerzen und Petroliumlampen um den Tisch der Schlosser Hütte saßen. Und wieder stieg wie damals, einer warmen Welle gleich, das Gefühl in mir auf, in der Gemeinschaft mit meinen Lieben endlich und letztlich geborgen, gehalten  und aufgehoben zu sein. Es war das Gefühl einer großen Harmonie und eines tiefen inneren Friedens, und es kam mir vor wie ein Geschenk, von dem ich zu Beginn unserer Bergtour nicht einmal zu träumen gewagt hätte.


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5 – Die Schlosser Hütte (Teil 1)

Als unsere Kinder acht und elf Jahre alt waren, machte es ihnen noch Spaß, mit uns in den Bergen zu wandern. Später verflog ihre Freude daran allmählich immer mehr, bis sie uns schließlich nur noch eher widerstrebend und nicht ohne leises Murren auf unseren Touren begleiteten. Schließlich wurde ihr Frust so stark, dass wir um des lieben Friedens willen nicht mehr auf einer Teilnahme ihrerseits bestanden. Damals aber war unsere Familien-Wanderwelt noch heil und in Ordnung.

Wir fuhren zusammen nach Stall im Mölltal, einem Ferienort in Kärnten, wo ich selbst schon als Jugendlicher mit meinen Eltern im Urlaub gewesen war. Den Tipp dazu hatte mein Vater von einem Arbeitskollegen erhalten, der ihm begeistert von der preiswerten Unterkunft, den überaus gastfreundlichen Vermietern und der Schönheit der Landschaft erzählt hatte. Als wir dann zum ersten Mal selbst dort waren, stellten wir fest, daß er in keinster Weise übertrieben hatte.

Die Zimmer, zu einem im Vergleich zu heute kaum mehr vorstellbar niedrigen Preis, waren einfach, zweckmäßig, aber wohnlich eingerichtet. Vom Balkon aus ging der Blick hinauf auf die bewaldeten Hänge der gegenüberliegenden Bergkette bis hin zu ihren felsigen, oft noch mit Schnee bedeckten Spitzen. Nach unten schaute man über den Ort hinweg hinunter auf das von grünen Wiesen und kleinen Baumgruppen gesäumte Flusstal. Das Frühstück mit Eiern und Speck aus der hauseigenen Tierhaltung sättigte bereits für den halben Tag.

Unsere Gastgeber begegneten uns mit der zurückhaltenden Bescheidenheit, der warmen Herzlichkeit und der steten Hilfsbereitschaft, die den Menschen dort im Gebirge seit alters her eigen ist und die sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse und unter den von Landschaft und Witterung geprägten, oft schwierigen Lebensbedingungen durch Generationen hindurch bewahrt haben. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass uns schon bald eine enge freundschaftliche Beziehung miteinander verband, die sich in den kommenden Jahren noch verstärkte, so dass wir uns am Ende schon fast wie Familienmitglieder fühlten und auch so angesehen und geschätzt wurden. So war es nur natürlich, dass ich immer wieder gerne zu ihnen fuhr, und das sommers wie winters, zuerst noch mit Verwandten und Freunden, dann mit meiner Frau und schließlich eben auch mit unseren Kindern.

Der Ort Stall hat der Sage nach seinen Namen durch einen gewaltigen Erdrutsch erhalten, der in grauer Vorzeit die damals bestehende Siedlung weggerissen und verschüttet haben soll, wobei nur ein einziger Stall übrig geblieben sei. Geographisch gesehen liegt er etwa in der Mitte des Kärntner Mölltals, fast gleich weit von der Quelle des Möllflusses und seiner Mündung in die Drau entfernt. Nach Norden hin flankieren ihn die Gipfel und Höhen der Sadnig-, nach Süden hin die der Kreuzeck-Gruppe.

Unsere Wanderziele lagen auf den Höhenzügen beider Seiten. Zuerst auf bequem zu laufenden Waldpfaden, dann auf steilen, in weiten Abständen markierten Wandersteigen erreichten wir die angestrebten Matten, Almhütten, Höhen und Gipfel. Wir hatten recht bald herausgefunden, welche Strecken am schönsten und reizvollsten waren, und sie zu unseren Lieblingstrouten erkoren.

Eine davon führte hinauf zur Wölla, einer Alm, die am Fuße des Kreuzeckgipfels lag. Viele Einheimische liebten diese Wölla-Alm, nicht nur, weil sie so wunderschön gelegen war, sondern weil es dort entlang eines klaren, rasch dahinfließenden Baches reichlich saftig-grünes Futter für das Almvieh gab. Seit alters her hatte man Ziegen, Schafe und Rinder dort hinaufgetrieben und für deren Hüter, die man „Ochsner“ nannte, Unterkunftshütten gebaut. Diese waren im Laufe der Jahre zwar oft schon halb oder ganz verfallen, wurden aber in jüngster Zeit zumindest teilweise renoviert oder auch durch Neubauten ersetzt.

Während früherer Urlaube war die Wölla mehrmals mein bevorzugtes Wanderziel gewesen. Im Sommer 1982 sollte sie es nun für die ganze Familie werden, und zwar als erste Etappe einer insgesamt dreitägigen Bergtour mit Übergang vom diesseitigen Mölltal zum parallel dazu verlaufenden Drautal auf der anderen Seite. Am ersten Tag wollten wir frühmorgens aufzubrechen, den Nachmittag auf der Alm verbringen und dann in einer ihrer Hütten übernachten. Die Möglichkeit dazu hatten uns freundlicherweise unsere Gastgeber eröffnet, indem sie uns vom Besitzer einer der Hütten, dem Schlosser von Stall, sowohl dessen Erlaubnis als auch seinen Hüttenschlüssel besorgt hatten.

Am zweiten Tag sollte zunächst der Gipfel des Kreuzecks erklommen werden, um dann von dessen Grat aus zur Feldner-Hütte des Alpenvereins abzusteigen, wo wir uns ausruhen und regenerieren wollten. Das Nachtlager für diese zweite Übernachtung hatten wir telefonisch bestellt.

Für den dritten Tag schließlich war der Abstieg auf halbe Höhe ins Drautal hinunter geplant. Bereits zuhause hatten wir für dort in der Nähe der Bergherberge Gaugenhaus ein Treffen mit Freunden vereinbart, die hier zur gleichen Zeit wie wir ihre Ferien verbringen wollten. Nach einem gemeinsam mit ihnen verbrachten Nachmittag sollte uns dann unser Freund am Abend mit dem Auto wieder nach Stall zurückbringen.

Am 24.Juni 1982 zogen wir mit geschulterten Rucksäcken früh am Morgen los. Wir hatten nur das Nötigste für die drei vor uns liegenden Tage eingepackt. Zum einen wollten wir natürlich nicht zu viel Gewicht mit uns herumschleppen, und zum anderen war uns mehrmals versichert worden, dass ja sowieso auf der Hütte alles außer Lebensmitteln vorhanden sei, was man zum Leben brauchte. Seitdem die Jäger sie nach Ende der Jagdsaison im vergangenen Herbst verlassen hatten, sei die Hütte bis jetzt unbenutzt geblieben. Also trugen wir neben unseren Sachen auch ausreichend Proviant auf dem Rücken, Brot, Butter, Käse, Speck, Eier, Zucker, Salz, etwas Schnaps und Tee. Zusätzlich hatte mir die „Mamma“– wie auch wir die Mutter unserer Gastgeber ebenso wie ihre eigenen Kinder liebevoll nennen durften – vor unserem Abmarsch noch eine große, gut verschlossene Kanne mit der von ihr so schmackhaft zubereiteten Knödelsuppe in den Rucksack gesteckt. So waren wir gut versorgt. Getränke nahmen wir keine mit, da wir auf unserem Weg ja ständig dem von der Wölla herabfließenden Bach entgegen gehen würden, dessen frisches, klares Wasser beim Wandern ohnehin jedem anderen Durstlöscher vorzuziehen war.

Es versprach, ein sonnig heißer Tag zu werden. Zunächst ging es aus dem Ort hinaus über die Möllbrücke und durch ein Wiesenstück in einen lichten Uferwald hinein. Ein Hauch frischer, würziger Waldluft, dazu eine angenehme Kühle empfingen uns und machten das Gehen leicht und unbeschwert. Bald schon hörten wir das Rauschen des Wöllabaches, dem wir dann auf einer breiten Forststraße mit anfangs nur mäßiger Steigung durch sein schluchtartiges Tal hinauf folgten. Das Plätschern, Gurgeln oder auch Brausen, des zu Tal rauschenden Wassers war, je nachdem wie nahe wir ihm kamen, unser ständiger Begleiter. Rechts und links ragten steil die mit dichtem Nadelwald bestandenen Hänge des Wöllabachtals auf, in denen ab und zu hellgrün schimmernde Lücken kleiner Lichtungen aufleuchteten.

Auf dem breiten Fahrweg kamen wir gut voran, bis dieser am sogenannten „Stoan“, einem sperrigen, gut mannshohen und fast kugelrunden Felsbrocken endete. Der mächtige Findling war wohl dereinst während eines Murenabganges zu Tal getrieben und dann hier zum Stillstand gekommen. Von ihm bog ein markierter Wandersteig nach rechts den Hang hinauf zur Fürstalm ab. Dorthin war ich früher schon oftmals direkt von Stall aus hinauf gewandert.

Heute aber stapften wir nach einer kurzen Rast am „Stoan“ vorbei und erreichten auf einem alten Almweg bald die auf einer kleinen Wiesenterrtasse stehenden Oberen Staller Hütten. Gerne war ich hier auf dem Rückweg früherer Touren eingekehrt, denn die beiden betagten Sennerinnen, die hier wirtschafteten, hatten mir stets als Erfrischung gut gekühlte Buttermilch angeboten. Heute, da wir ja noch ziemlich am Anfang unserer Wanderung waren, hatten wir eine solche Stärkung ja noch nicht nötig. Dennoch schaute ich im Vorbeigehen nach den beiden Alten aus, konnte sie aber nirgends erblicken. Auch von ihrem Vieh war nichts zu sehen. Die Alm lag wie verlassen da. So marschierten wir unverzüglich weiter.

Der jetzt zu einem schmalen Pfad gewordene Weg wandte sich nun scharf von der Bachschlucht ab und führte nach rechts in einen fast ebenen Talgrund hinein, der zur Linken von einem bewaldeten Abhang begrenzt wurde und zur Rechten den Blick auf den felsigen Grat des benachbarten Bergzuges freigab. Nach einer kleinen Weile recht mühelosen Gehens begann darauf in steilen und mehr Anstrengung erfordernden Serpentinen der letzte Anstieg zur Wölla-Alm. Auf dieser Höhe hatte sich der bisher dichte Nadelwald weitgehend gelichtet und war durch einzelne freistehende Lärchen und Zirbelkiefern ersetzt worden. Rot blühender Almrausch säumte rechts und links des Wegs unseren Aufstieg, der schließlich in dem weiten Talkessel der wunderschön gelegenen Staller Wölla-Alm endete.

Vor uns am Horizont erhob sich, deutlich blaugrau gegen den hellblauen Himmel abgesetzt, die vom Gipfel des Kreuzecks gekrönte und nach ihm benannte Bergkette. Von ihr ging der Blick über sanfte Abhänge hinunter auf grüne Almwiesen, durch deren Mitte sich in der Sonne glitzernd der Wöllabach schlängelte. Am rechten Rand des Talbodens standen, zu einer kleinen Gruppe zusammen gedrängt, die Hütten der Almbauern, darunter auch die von uns angestrebte des Staller Schlossers. Zu ihr zog es uns jetzt, erhitzt und müde von der zurückgelegten mehr als dreistündigen Bergwanderung, mit aller Gewalt hin. Dennoch hielten wir kurz am Wegrand an, um unter dem dort stehenden Marterle unseren Dank für diesen bisher so schönen und glücklicherweise von Unfall und Missgeschick verschonten Tag abzulegen.

Die Schlosser Hütte stand als zweite am rechten Rand der Alm, angelehnt an einen mit großen Gesteinsblöcken und massiven Felsformationen durchwachsenen Hang. Ein steinerner Unterbau gewährte der ganz aus Lärchenholz erbauten Behausung im sonst steilen Gelände eine waagrechte Lage. An der Vorderfront gelangte man über eine kleine Holztreppe zu einer Art Veranda, in deren Mitte sich die Eingangstür befand. Mit gespannter Erwartung steckten wir den Schlüssel ins Schloss und öffneten sie. Das Licht fiel in einen dunklen, scheinbar fensterlosen Raum, in dem sich zunächst nur sehr undeutlich die Umrisse seiner Einrichtung erkennen ließen. Bei völlig geöffneter Tür und mehr Helligkeit konnten wir dann die gesamte Ausstattung des Raumes in Augenschein nehmen.

Ein altes Holzbett mit ebenso altem Bettzeug stand an der gegenüberliegenden Wand, darunter erkannten wir mehrere Stapel Brennholz, die in nicht ganz ungefährlicher Nähe zu einer Feuerstelle aus Steinplatten lagen. Ein Häufchen alter Asche befand sich noch darauf und weiterer Holzvorrat dahinter. Eine zweite Tür füllte den Rest der Gegenwand aus.

Direkt neben der Eingangstür begann eine hölzerne Bank, die sich an der Wand entlang bis zur linken Ecke des Zimmers zog und von da an auch über die linke Seitenwand der Hütte. Hier entdeckten wir ein unvermutetes, kleines Fensterchen. Allerdings war es von außen mit einem schwarzen Laden fest verschlossenen, so dass es jetzt kein Licht hereinlassen konnte. Ebenso verhielt es sich mit einer zweiten Fensteröffnung auf der gegenüberliegenden Wandseite. Nachdem wir beide geöffnet hatten, konnten wir uns genauer umsehen. Ein viereckiger Tisch stand vor der Eckbank. Er und ein einzelner Hocker als weitere Sitzgelegenheit vervollständigten die karge Einrichtung. Zwischen den Holzsparren der sichtbaren Balkenkonstruktion hatte man die Wände mit einer unschön gemusterten Kunststofffolie verkleidet. Über dem Bett hing als zusätzlicher Schmuck ein verschlissener Wandbehang mit einem kaum noch erkennbaren Jagdmotiv, gekrönt von der total verstaubten Präparation eines Fuchskopfes.

Auf Regalen rosteten Vorratsdosen vor sich hin. Wandhaken hielten einen kleineren und einen größeren Topf sowie eine völlig schwarz verrußte eiserne Bratpfanne. Andere Küchenutensilien, wie Teller, Tassen und Gläser fanden sich in einem hölzernen Wandkasten und Essbestecke in einer Tischschublade.

Von der Decke baumelten eine Petroleum- sowie eine Gaslampe herab. Nur da, wo sich eigentlich die Decke befinden sollte, zeigten sich nur einzelne, in weitem Abstand zueinander verlaufende Holzbalken, zwischen denen dort oben gespeichertes Heu heraus lugte. Der Blick auf diese Abdeckung unseres heutigen Schlafraumes hinauf ließ weitere fragende Zweifel über die Annehmbarkeit und Tauglichkeit dieses Quartiers aufkommen.

Das war aber alles noch nichts im Vergleich zu dem kleinen Schock, den uns der Blick auf den Fußboden bereitete.Auf seinen staubigen Holzdielen lag, wahllos verstreut, eine gute Handvoll mehr oder minder erfolgreich aufgestellter Mausefallen, von denen die meisten noch immer die inzwischen stark mumifizierten Beweise ihrer Wirksamkeit treu und fest umklammert hielten. Kurz gesagt: die Summe dessen, was sich uns hier so unerwartet an Unerfreulichem offenbarte, ließ unsere Begeisterung für Berghütten schlagartig auf den Nullpunkt sinken.

Deshalb rangen wir uns sodann auch mit nur sehr gemischten Gefühlen zum Betreten des Nachbarraumes durch. Unsere heimlichen Befürchtungen wurden auch hier nicht enttäuscht. Das Stübchen, ehemals wohl als zweite Schlafkammer gedacht, enthielt ebenfalls ein breites Holzbett. Allerdings war dieses jetzt so unter einem wahren Berg von Geräten, Werkzeugen, Kisten und Kasten versteckt, dass man es im allgemeinen Chaos kaum mehr als solches erkennen konnte. Rasch schlossen wir wieder die Tür.

Sämtliche Gefühle für Hüttenromantik waren nun in uns vollends gestorben. Ungläubiges Kopfschüttelnd und so etwas wie lähmendes Entsetzen war alles, was uns blieb. Das also war die vielgepriesene Schlosser Hütte, in der – wie so oft mit ehrlichem Augenaufschlag vollmundig verkündet, „ ja alles da“ war!


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4 – Reinholds Waldhütte

Gleich zu Beginn meiner Studienzeit lernte ich Reinhold kennen. Er war wie ich externer Student am Theologischen Konvikt in Frankfurt am Main, wo wir in einem gemeinsamen Sprachkurs mit den konviktinternen Studiengängern sowohl das Graecum als auch das Hebraicum nachholen mussten, das wir für unser Theologiestudium brauchten. An unseren Gymnasien hatten wir lediglich das große Latinum erworben. Da ich außerhalb Frankfurts in Sprendlingen wohnte, und er in Darmstadt, reisten wir beide morgens mit dem Zug an und hatten vom Bahnhof zum Konvikt einen längeren gemeinsamen Fußweg vor uns, auf dem wir uns gerne unterhielten und uns somit freundschaftlich rasch näher kamen.

Einmal erzählte er mir, dass seine Eltern eine Hütte im am Rand des Vorderen Odenwalds, nicht weit von Darmstadt entfernt, besäßen. Beim Wort „Hütte“ war mein Interesse natürlich sofort geweckt, zumal er weiter berichtete, dass sie dort zum Wochenende öfter hinfuhren und gelegentlich auch Freunde mitnahmen. Sofort keimte in mir der Wunsch und die Hoffnung, auch einmal an einem solchen Wochenende teilhaben zu dürfen. Einige Wochen später, nach anstrengendem Sprachenlernen und den ersten nervigen Prüfungsklausuren, war es dann wirklich soweit. Ich durfte mit ihm zur besagten Hütte fahren.

Sie lag an einem Waldrand, nach hinten hin von Bäumen und Gebüsch umgeben, während von der Vorderseite aus über Wiesen und Felder hinweg in der Ferne noch schwach Konturen und Silhouetten von Darmstadt zu erkennen waren. Aus stabilem Holz errichtet, mit mehreren geräumigen Zimmern ausgestattet, wirkte sie eher wie ein gemütliches kleines Waldhaus und nicht wie eine nur einfache Hütte. Bei ihrem Anblick fühlte ich mich dort ihres anheimelnden Aussehens wegen sofort wohl. Wie wir dann die Stunden unseres Wochenendaufenthaltes weiter verbrachten, was wir im Einzelnen taten, kann ich heute gar nicht mehr genau sagen. Eines jedoch ist mir in lebhafter, weil auch in etwas schmerzlicher, Erinnerung geblieben.

Es war am Abend und bereits dunkel draußen. Ein schwacher Lichtschein leuchtete in der Ferne über der Stadt am Horizont. Wir saßen am Wohnzimmertisch, und Reinhold hatte das Hüttentagebuch aufgeschlagen, um im Schein der Petroleumlampe unsere Namen und die Dauer unseres Besuches einzutragen. Als er damit fertig war, reichte er mir das Buch zur Unterschrift, und nachdem ich sie hinzugefügt hatte, fing ich an, neugierig darin zu blättern. Es war ein alter, etwas abgegriffener Band mit vielen Seiten, die teilweise vergilbt und mit Flecken besät waren, was mich aber nicht daran hinderte, die handgeschriebenen Einträge zu entziffern. Die einzelnen Abschnitte waren mit Jahreszahlen versehen.

Beim eher zufälligen Durchblättern fiel mein Blick auf einen Satz, der mich unverzüglich innehalten ließ. Da stand: „Welch ein Elend und Leid wird jetzt wieder in der Stadt sein!“ Es war ein Eintrag von Ende September 1944, geschrieben von Reinholds Vater, wie dieser anhand der Schrift erkannte. Wir brauchten beide nicht lange nachzudenken, um uns die Situation zu vergegenwärtigen, in der dieser denkwürdige Eintrag niedergeschrieben worden war.

In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 war Darmstadt von Einheiten der Royal Air Force weitgehend zerstört worden. Eine Kombination von Spreng- und Brandbomben hatte zu einem Feuersturm im Zielgebiet des Angriffs geführt, der im Wesentlichen dem dichtbesiedelten Stadtzentrum gegolten hatte und bei dem 99% der Alt- und Innenstadt in Schutt und Asche gefallen waren. 11.500 Menschen starben dabei, wurden von Trümmern erschlagen, erstickten oder verbrannten in den Kellern. Rund 66.000 von damals rund 110.000 Einwohnern wurden obdachlos.

Reinholds Familie war diesem Inferno entkommen, weil sie frühzeitig die Stadt verlassen und sich in ihre Waldhütte zurückgezogen hatten. Von dort aus beobachteten sie mit Schrecken das Geschehen während jener fürchterlichen Brandnacht, und sahen auch während der folgenden Tage von Ferne den Rauch und den Feuerschein über ihrer zerstörten Heimatstadt. Es hatte nicht viel gefehlt, um sich die Katastrophe vorzustellen, die über Darmstadt und seine Menschen hereingebrochen war. Sicher war unter diesen Eindrücken jener Satz im Hüttentagebuch: „Welch ein Elend und Leid wird jetzt wieder in der Stadt sein!“ entstanden.

Diese kurze, in einem Augenblick größter Not, Hilflosigkeit, Trauer und Anteilnahme niedergeschriebene Notiz hat sich seitdem tief in mein Gedächtnis eingebrannt, entsprach sie doch völlig auch meinen Gedanken und Empfindungen in Bezug auf die ungeheure Barbarei und die totale Sinnlosigkeit des letzten Krieges, an dessen Ende ich geboren wurde.

Meine Vorstellung ließ mich Reinholds Eltern am selben Wohnzimmertisch wie wir sitzen sehen, den Blick aus dem Fenster hinaus auf das unfassbare Grauen gerichtet, das dort in der Ferne für sie mehr zu ahnen als zu sehen war. Selbst körperlich unversehrt, weil dem Inferno rechtzeitig ausgewichen, seelisch aber zutiefst verletzt, ergriffen vom Gefühl lähmender Ohnmacht, hilfloser Wut und abgrundtiefer Trauer um bekannte und unbekannte Opfer – und doch sie selbst für den Moment sicher und geborgen in den Wänden ihrer Waldhütte, weit genug weg von all dem schrecklichen Geschehen, das sich fast greifbar und in Sichtweite ereignet hatte und immer noch ereignete. Sie wussten natürlich, dass es nicht die relativ dünnen Wände dieser Waldhütte ihre Sicherheit hätten garantieren können, sondern dass diese allein dem Umstand zu verdanken war, dass sie sich während der Brandnacht – wie auch danach – in einer zum Glück ausreichenden Entfernung davon befanden.

Was ich in Dankbarkeit an Erfahrung von diesem kurzen Wochenende mit meinem Studienfreund Reinhold in der Odenwald-Hütte seiner Eltern mitnahm, war die Erkenntnis, wie lebenswichtig es sei kann, über eine solche Rückzugsmöglichkeit zu verfügen, um darin dem stets hektisch treibenden Weltgeschehen, immer dann entfliehen zu können, und, wenn es nötig ist, sich wieder auf sich selbst und die eigene Rolle zu konzentrieren, die man darin spielt. Hütten, am besten wohl irgendwo in der Stille der Natur, weit weg vom lauten Getriebe des Zeitgeschehens schienen scheinen und mir die passenden Orte dafür zu sein.


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3 – Thumersbach

Ein eigenes Auto zu besitzen, das war schon immer der Traum meines Vaters. Zwar war er seit seiner Zeit als Wehrmachtssoldat im Besitz eines gültigen Führerscheins, an den Kauf eines eigenen Personenwagens aber war angesichts unserer finanziellen Verhältnisse nach dem Krieg überhaupt nicht zu denken. So fuhr er stets mit dem Fahrrad zur Arbeit und benutzte es auch, wenn er mit uns kleine Ausflüge in die umgebenden Wälder machte.

Eines Tages in den 50er Jahren erwarb er bei einer günstigen Gelegenheit ein gebrauchtes Motorrad, eine 175er Rabeneik, mit der er seinen Drang nach einem motorbetriebenen Fahrzeug ein wenig befriedigen und seinen Mobilitätsradius um ein Wesentliches erweitern konnte. Jetzt waren meinen Eltern Urlaubsreisen, wie etwa in den Schwarzwald, möglich. Auch konnten wir nun öfter meine ältere Schwester, die damals bei meiner Großmutter in der südwestlichen Pfalz am Rande des Saargebietes lebte, besuchen. Die Freude, die mein Vater an seinem Motorrad und den neu gewonnenen Reisemöglichkeiten empfand, hielt allerdings nicht allzu lange bei den anderen Familienmitgliedern an. Ich selber saß immer viel zu ängstlich und damit auch viel zu verkrampft auf dem Rücksitz, so daß ich in den Kurven nie richtig mitging und deshalb stets – wenn auch zurecht, so doch aber als unangenehm empfunden– dafür ausgeschimpft wurde. Außerdem waren wir bei zwei Gelegenheiten – einmal auf einer Ölspur und ein anderes Mal in einer riesigen Schlammpfütze, die sich nach einem Gewitter in einer Unterführung gebildet hatte – ausgerutscht und gestürzt. Zum Glück hatten wir beide Male außer dem Schrecken und einigen blauen Flecken keine weiteren Schäden erlitten. Dennoch war meine Lust am Motorradfahren dadurch nicht gerade gestiegen. Als meiner Mutter später Ähnliches widerfuhr und sie sogar ein kurzes Krankenlager auf sich nehmen musste, war das Ende unserer Motorradzeit besiegelt. Die Rabeneik wurde verkauft, und an ihre Stelle trat eine – ebenfalls gebrauchte – 300er BMW-Isetta.

Bei diesem Kleinwagen ließ sich die gesamte Vorderfront als Tür zur Fahrerseite hin in einem hohen Bogen aufklappen, was dann den Blick auf einen spärlichen Innenraum mit einer einzigen schmalen Sitzbank und einem Lenkrad am Fahrersitz freigab. Unser Modell war hell und dunkel abgesetzt lindgrün lackiert und erweckte so in Verbindung mit seiner knubbelig runden Form den Eindruck eines überdimensionalen Laubfrosches. Immerhin fuhr unser „Laubfrosch“ auf vier Rädern, was gegenüber dem früheren Zweirad doch f eine größere Fahrsicherheit bot. Dieses Gefährt ermöglichte nun auch Reisen zu weiter weg wohnender Verwandtschaft, und das nicht nur zu zweit, sondern gelegentlich sogar zu dritt. Dass solche Fahrten vom Sitzkomfort her nicht besonders bequem waren, kann ich aus eigener Erfahrung  bezeugen. Denn immer dann, wenn meine Schwester und ihr zukünftiger Ehemann mit der Isetta zu einem Ausflug aufbrechen wollten, musste ich mich – sozusagen als Anstandswauwau – zwischen die beiden auf die Sitzbank klemmen.

So groß der Fortschritt mit der Isetta hinsichtlich unserer Motorisierung auch war, es stellte sich nach einer gewissen Zeit doch heraus, dass dies nur eine Übergangslösung sein konnte. Ein richtiges Auto musste her, und es kam auch bald.

Auslöser dafür war der Umstand, dass meine Großmutter 1960 ihr Häuschen samt Garten im rheinland-pfälzischen Berschweiler verkauft hatte und aus Alters- und Gesundheitsgründen für immer zu uns gezogen war. Den nicht gerade üppigen, aber für die damalige Zeit und besonders für unsere wirtschaftlichen Verhältnisse dennoch beachtenswerten Verkaufserlös teilte sie brav unter ihren Kindern und sich selber auf. Der Anteil meiner Mutter, wahrscheinlich ein weiterer Zuschuss von Großmutters Seite sowie der Verkauf der Isetta ermöglichte meinem Vater nun den Kauf eines richtigen Autos. Bei dem – ebenfalls gebraucht gekauften – neuen Wagen handelte es sich um einen schicken strato-silberblauen VW Käfer mit Schiebedach, Weißwandreifen und Autoradio – damals der Inbegriff von Auto-Luxus schlechthin! Viel wichtiger für uns war aber das gegenüber dem Kleinwagen erheblich größere Innenraumangebot. Wo indes auch dessen Grenzen lagen, sollte sich allerdings schon recht bald zeigen, als es nämlich darum ging, eine geplante Urlaubsreise in die Tat umzusetzen.

Zu dieser Zeit, gut 15 Jahre nach Kriegsende, ging es den meisten Familien in Deutschland wirtschaftlich wieder besser, viele waren motorisiert, so dass man sich auch Urlaubsreisen wieder leisten konnte. Eine richtige Reisewelle hatte das ganze Land erfasst. Man fuhr nach Österreich, Italien, ja sogar nach Spanien. Angesteckt von der allgemeinen Reiselust, wollten nun auch wir einmal Ferien im Ausland machen, zumal uns unser neues Auto ja jetzt die Möglichkeit dazu bot. Die Frage der Transportmöglichkeit war also geklärt, unklar dagegen war die Frage, wo und wie wir im Urlaub wohnen sollten. Die Mittel, einen Aufenthalt im Hotel, einem Gasthof oder in einer Pension zu bezahlen, hatten wir nicht. Also wurde beschlossen: wir campen! Es tat sich dabei nur eine kleine Schwierigkeit auf: wir besaßen keine Camping-Ausrüstung! Aber auch hier wurde Abhilfe geschaffen. Zunächst liehen uns Nachbarn ihr kleines 2-3 Mann-Zelt. Sodann nähte meine Mutter auf ihrer Singer-Nähmaschine aus weißen Bettlaken ein großes Über- und Vorzelt zusammen, das mit Essigsaurer Tonerde imprägniert und  wasserabweisend gemacht wurde. Ein solides aus dünnen, zusammenschraubbaren Leitungsrohren bestehendes Tragegestänge entstand in der Werkstatt meines Vaters. Halteschnüre, Heringe, eine Campingliege, Klapphocker, Plastikgeschirr und als Clou der Original VW-Campingtisch, dessen Tischplatte haargenau auf das Reserverad im Kofferraum passte, wurden gekauft. Schlafsäcke und Luftmatratzen vervollständigten die Ausrüstung. Obwohl wir uns von Bekannten einen Dachgepäckträger ausgeliehen hatten, frage ich mich heute noch manchmal, wie wir das alles, samt dem Gepäck für vier Personen und den mitgenommenen Lebensmitteln in dem relativ kleinen Käfer untergebracht haben. Wir fuhren nämlich zu viert, denn die Oma musste mit. Zum einen konnten wir sie während der kommenden Urlaubszeit schlecht allein zuhause lassen – eine andere Unterbringungsmöglichkeit für sie hatten wir nicht – zum anderen war sie als Geldgeberin und Mitfanziererin des Ganzen einfach nicht zu übergehen.

Unser erklärtes Urlaubsziel war von Anfang an Österreich gewesen, aber warum es dann ausgerechnet Zell am See wurde, ist mir im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar. An einen See sollte es mit Sicherheit gehen, aber warum gerade an den Zeller, das bleibt ungeklärt. Wie dem auch sei, in Zell angekommen, fanden wir zunächst keinen geeigneten Campingplatz. Auch war uns der Ort viel zu mondän. Deshalb umrundeten wir das südliche Seeufer und erreichten den Ort Thumersbach. Bevor wir uns dort auf die Suche nach einer Zeltmöglichkeit machten, hielten wir zuerst einmal Ausschau nach einem Quartier für unser Großmutter.

„Zimmer frei“- verhieß ein Schild rechts am Straßenrad unterhalb eines Bauerngehöftes, das dort auf einem sanften Wiesenhügel thronte. Auf unsere Anfrage hin vermietete die Bäuerin uns sowohl ein Zimmer für unsere Seniorin bei sich im Haus, als auch eine Übernachtungsmöglichkeit für den Rest der Familie in einem separaten, seitwärts gelegenen Häuschen, das wohl früher als Altenteil, in Österreich „Ausgedinge“ genannt, als ein Ruhesitz für die ältere Generation der Bauernfamilie, gedient haben mochte.

Bei seinem Anblick war ich sofort an die Skihütte im Taunus erinnert, denn es es war ebenfalls aus Holzbalken gebaut, die auf groben Granitsteinen ruhten. Allerdings war dieses Häuschen viel kleiner, wirkte kompakter und hatte in jeder Wandseite nur ein einziges Fenster. Sein Holz war von Wind und Wetter gegerbt und hatte eine tiefschwarze Farbe angenommen. In starkem Kontrast dazu standen die Holzschindeln auf dem Dach, die durch Jahrzehnte, wenn nicht sogar durch Jahrhunderte hindurch von Sonne und Regen gebleicht, nun silberhell im Sonnenlicht glänzten. Mein Quartier bestand – wie auch das meiner Eltern – aus einer kleinen Kammer mit recht spartanischer Einrichtung. Während meine Mutter deshalb das Fehlen jeglichen Komforts beklagte und unserem Bleiben nur zustimmte, weil es im Moment keine andere Möglichkeit gab, tat mein Herz einen kleinen Freudensprung, als ich das mir zugewiesene Stübchen betrat. Mit seinen einfachen Holzmöbeln, seiner Holzdecke, dem blanken Dielenfußboden, den rohen Balkenwänden und dem einzigen Fenster darin, entsprach es genau der Vorstellung meiner geliebten Hüttenromantik. Hinzu kam die Freude darüber, dass ich hier – anders als zuhause – ein eigenes kleines Reich für mich ganz alleine hatte.

Besonders aber liebte ich den Geruch, den der kleine Raum und das ganze alte Haus ausströmten. Alt roch es, nach trockenem Holz, nach Staub und Rauch, und trotzdem war mir das nicht unangenehm, denn in diesen Gerüchen wehte für mich so etwas wie der Hauch der Vergangenheit. Ich musste an die Menschen denken, die hier drinnen einmal gelebt hatten, Bauersleute, altgeworden, die Gesichter faltig und vom Wetter gegerbt, die Hände von schwerer Arbeit rau und schwielig. Im Knacken der Deckenbalken über mir wähnte ich das Knacken der brennenden Holzscheite in ihrem Herd zu hören, wenn sie sich daran wärmten oder darauf ihre einfachen, nahrhaften Mahlzeiten kochten. Das Ächzen im Gebälk erweckte in mir Vorstellungen vom Brausen heftiger Wind- und Sturmschauer, die einst die Behausung umtost haben mögen. Der Blick auf das kleine, viereckige Fenster zeichnete es mir mit daran haftenden Eisblumen und Schneeverwehungen, an manch kalten Wintertagen und frostigen Nächten entstanden.

Dicht neben dem Fenster hing an der Wand das Gehörn eines schwachen Rehbockes,  fast schwarz vom Alter und nur an den Spitzen und Rosenperlen noch weißlich schimmernd, nicht die stolze Reminiszenz eines erfolgreichen Trophäenjägers, eher nur das Überbleibsel von einem besonderen Tag im bäuerlichen Leben, an dem das sonst karge Mahl einmal durch schmackhaftes Wildbret bereichert wurde. Dennoch sah ich mich bei seinem Anblick hier selbst auf der Jagd, die Matten und Bergwälder durchstreifend, nicht mit der Flinte, wohl aber mit der Kamera bewaffnet, um am Abend zwar müde und abgekämpft, aber voller beglückender Eindrücke wieder in mein bescheidenes Quartier zurückzukehren.

Knappe zwei Tage blieben mir Zeit, um abends in diesem Thumersbacher Bauernhäuschen meinen Träumen nachzuhängen. Dann entschied meine Mutter, diesen für sie so unbefriedigenden Ort zu verlassen. So kehrten wir dem Zeller See mit dem schönen, weißblendenden Kitzsteinhorn an seinem Südende den Rücken und machten uns auf die Suche nach einem passenderen Urlaubsdomizil.

Wo wir schließlich landeten, hätte keiner von uns vorher je gedacht. Es war auf einem Zeltplatz am Ostufer des Gardasees, kurz vor Malcesine in Italien. Hier waren in der Tat alle Voraussetzungen für einen gelungenen Campingurlaub gegeben. Unsere Zeltkonstruktion stand auf einer Rasenterrasse unter knorrigen Olivenbäumen. Der Himmel war ständig blau. Die Sonne verwöhnte uns über alle Maßen. Großmutter hatte ein Zimmer in einer angrenzenden alten Villa, und meine Mutter war zufrieden.

So sehr mir das Zelten dort auch gefiel, und ich sicher bin, dass es mit dazu beitrug, die herrlich mediterrane Atmosphäre dieser Region noch mehr zu genießen, so sehr muss ich dagegen eingestehen, dass ein Zelt mir niemals die Gefühle von Geborgenheit und Aufgehobensein vermitteln konnte, wie es eine Hütte tat – und war diese noch so primitiv und anspruchslos wie jenes alte Bauernhäuschen in Thumersbach.

Dabei habe ich während meiner Jugendzeit sehr viele Tage und Nächte unter Zeltwänden verbracht. Bereits mit acht Jahren erlebte ich mein erstes Zeltlager, dem dann etliche in den kommenden Jahren folgten. Als Pfarrer schließlich lud ich die Jugendgruppen meiner Gemeinden selbst zu solchen Lagern ein, so dass ich wohl zu recht behaupten kann, alle Freuden und Leiden des Kampierens im Zelt kennengelernt zu haben. Doch obwohl dabei die Freudenanteile sicherlich die Oberhand behielten, blieb ein Hüttenaufenthalt dennoch stets mein Favorit. Vielleicht kommt das alles daher, dass in mir noch ein Teil jenes Urtriebes steckt, der die Menschen zu allen Zeiten dazu getrieben hat, sich als Heimstatt und zu ihrem Schutz vor Naturgewalten und Gefahren aus den ihnen vorfindlichen Materialien Hütten zu bauen.


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2 – Die Skihütte

Mein zweites, allerdings nur recht kurzes Hüttenerlebnis fand etliche Zeit später statt. Es war Ende der 1950er Jahre, und ich besuchte seit einigen Jahren das Gymnasium unserer Nachbarstadt. Dort fühlte ich mich als Kind einer Arbeiterfamilie nie so richtig wohl und ein wenig als nicht standesgemäß. Während die Väter meiner Mitschüler und Mitschülerinnen Ärzte, Anwälte, Lehrer, Geschäftsleute oder zumindest Beamte waren, arbeitete mein Vater lediglich als Handwerker in einer Fabrik. Sein Vater, mein Großvater, der ebenfalls nicht nur Schneider hieß, sondern es als Schneidermeister auch war, hatte durch Krieg und Inflation sein Geschäft und größtenteils auch seinen Besitz verloren. Mein Vater hatte deshalb seinen erlernten Beruf als Kaufmann aufgeben und nach dem Krieg als ungelernter Arbeiter wieder neu anfangen müssen. Durch Ehrgeiz und Fleiß schaffte er es schließlich zum Facharbeiter als Spengler und Gießer. Um wieder beruflich und gesellschaftlich aufzusteigen, sollte Ich, als der Bub und der Jüngste in der Familie, auf seinen Wunsch hin das Gymnasium besuchen, damit es wenigstens mir später einmal besser und leichter gehen sollte. Meine beiden älteren, ja nicht minder begabten Schwestern dagegen mussten ebenfalls in der Fabrik arbeiten und mithelfen, Geld zu verdienen. In den ersten Jahren meiner Gymnasiumszeit hatte ich noch nicht so richtig gelernt, dafür dankbar und sogar darauf stolz zu sein. Und so habe ich mich immer ein wenig geschämt, wenn zu Beginn eines neuen Schuljahres beim Eintrag der Schülerpersonalien in das neue Klassenbuch jede und jeder laut den Beruf des Vaters angeben musste. Mein „Installateur“, das meiner Ansicht nach ein bisschen besser als „Spengler“ klang, kam dann stets eher schüchtern und zurückhaltend aus meinem Mund.

Es gab dazu eine reine Äußer- und damit eigentlich Nebensächlichkeit, die darüber hinaus weiter zu meinem Unwohlsein beitrug. Während meine Mitschülerinnen und Mitschüler – wenn auch nicht unbedingt nach dem letzten Schrei, so doch zumindest immer schick und modisch gekleidet waren, hatte ich zumeist die bereits die abgelegten Hemden, Hosen, Pullover und Jacken meines um drei Jahre älteren Cousins aufzutragen. Nicht jeder ließ mich diesen äußerlichen Unterschied direkt spüren, doch gab es hier und da schon geringschätzige Bemerkungen, die nicht gerade dazu angetan waren, mein Selbstwertgefühl zu stärken. Es dauerte auch ein paar Jahre, bis ich mehr und mehr an Selbstbewusstsein gewann und lernte, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden. Dazu trug das Ansehen bei, das ich langsam einerseits durch gute schulische Leistungen, andererseits durch Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Kameradschaftlichkeit in der Klasse gewann.

Zudem verstärkte die Freundschaft mit einem bei allen sehr beliebten Mitschüler meinen Ruf und mein Angenommensein in der Klasse. Rainer, so hieß der von allen so hoch Geschätzte, war der Sohn eines Apothekers, der im benachbarten Sachsenhausen eine renommierte und gut gehende Apotheke besaß. Aufgrund gleicher Interessen und Neigungen, auch durch die Tatsache, dass wir beide derselben kirchlichen Jugendgruppe angehörten, war unsere Freundschaft rasch gewachsen und hatte bald ein Stadium erreicht, das einem pubertär-schwärmerischen Verliebtsein nicht ganz unähnlich war. Wir waren daher oft und viel zusammen. Für gewöhnlich trafen wir uns im Haus seiner Eltern, das am Stadt-und Waldrand unseres Schulortes lag. Treffen bei uns zuhause, in unserer kleinen und durch die Anwesenheit meiner Großmutter noch mehr beengten Drei-Zimmerwohnung gab es so gut wie nie.

Rainers Familie, zu der neben seinen Eltern auch zwei noch etwas jüngere Brüder gehörten, war außerordentlich gastfreundlich. Sie behandelte uns Heranwachsende bereits ähnlich wie Erwachsene. So durften wir zum Beispiel, wenn auch unter ermahnenden Hinweisen, in aller Offenheit bei ihnen rauchen, was ich vor meinen Eltern immer noch streng – ob erfolgreich oder nicht – zu verheimlichen hatte. Ich fühlte mich im Hause meines Freundes deshalb natürlich sehr wohl und erlebte hier auch zum ersten Mal das, was ich damals unter „Kultur“ verstand und was mir zuhause in dieser Form nicht geboten war. Oft saßen wir bei Kerzenlicht in den tiefen Sesseln ihres Wohnzimmers beisammen, hörten Schallplatten mit klassischer Musik oder sprachen über anspruchsvolle Literatur. Häufig erhielt ich auch Einladungen zum Essen, wobei die Mahlzeiten oftmals zu für mich recht ungewohnten Zeiten stattfanden, denn Rainers Mutter neigte dazu, ihre sogenannten gesellschaftlichen Verpflichtungen zuerst einmal ihren häuslichen voranzustellen.

Für all die mir in Rainers Familie erwiesenen Freundlichkeiten revanchierte ich mich gerne mit Gefälligkeiten und gelegentlichen Hilfen bei Arbeiten in Haus und Garten. So erlangte ich allmählich fast den Status eines Familienmitgliedes, und daher war es auch nicht ungewöhnlich, dass man auch mich eines Tages einlud, an einem für die Jungen geplanten Ausflug zu einer Vereinshütte im Taunus teilzunehmen, die dem dortigen Skiclub gehörte und die Mitgliedern, wie Rainers Familie, für solche Unternehmungen offen stand.

Da es erst Spätsommer und noch nicht Winter war, sollte es sich natürlich nicht um eine richtige Skitour sondern lediglich dort um ein vergnügliches Wochenende handeln. Ich, der ich ja weder Erfahrung im Skilaufen noch eine entsprechende Ausrüstung dafür besaß, konnte so dieser Einladung ohne Bedenken Folge leisten. Ich war sogar sehr angetan davon, denn allein das Wort „Hütte“ hatte in mir schon eine wahre Flut angenehmer Gefühle und freudiger Erwartungen ausgelöst. Und so fuhren wir an einem sonnigen Samstagmorgen im September im familieneigenen Mercedes, gesteuert von Rainers Mutter, in den Taunus nach Schmitten und hinter dem Ortsrand einen kurvenreichen Fahrweg zur besagten Hütte hinauf.

In meiner Erinnerung steht sie auf einem ebenen Rasenplatz am Saum eines Fichtenwäldchens, das sich hinter ihr einen sanften Hang emporzieht. Aus grobem Felsgestein ist das Unter- und Kellergeschoß gemauert. Auf ihm ruht ein kompakter ochsenblutrot gestrichener Holzaufbau, dessen quadratische Fenster mit schön dunkelgrün kontrastierenden Klappläden versehen sind. Aus dem mit grauem Schiefer gedecktem Dach ragt ein stämmiger, ebenfalls aus Felssteinen gemauerter Kamin. Über eine Steintreppe an der linken Seitenwand erreicht man die Eingangstür und gelangt von dort aus zunächst in einen Vorraum, der wohl im Winter als Garderobe und Abstellplatz für die Skiausrüstungen dient. Durch eine weitere Tür betritt man einen geräumigen Aufenthaltsraum, der mit rustikalem Mobiliar ausgestattet ist und von einem an der Wand stehenden halbrunden Kachelofen beheizt werden kann. Der hintere Teildes Ofens befindet sich im angrenzenden Schlafraum, der so ebenfalls mit Wärme versorgen werden kann. In ihm stehen drei massive Stockbettengestelle, deren Bettzeug mit dem gleichen rot-karierten Stoff bezogen ist, aus dem auch die Fenstervorhänge genäht sind.

Eine weitere Tür führt in eine kleine Küche mit Geschirrregalen, Wandschränken, Herd und Spüle. Holz und Kohlen lagern im Kellergeschoß, wo es auch einen kleinen Raum für körperliche Bedürfnisse gibt. Alles in allem vermittelt die Hütte ein Gefühl der behaglichen Geborgenheit.

Nachdem unser Gepäck samt Essensvorräten ausgeladen und verstaut waren und Rainers Mutter uns noch mit etlichen gut gemeinten Ratschlägen und Ermahnungen versorgt hatte, fuhr sie davon, um uns am kommenden Sonntagabend wieder abzuholen.

Fast zwei volle Tage standen uns nun für unser kleines Hüttenabenteuer zur Verfügung. Wie sollte die anstehende Zeit ausgefüllt werden? Die beiden Jüngeren stimmten für Spiele: Ballspiele auf der Rasenfläche vor der Hütte und Brett- und Kartenspiele am Abend im Haus. Rainer freute sich hauptsächlich auf genügend Zeit zum Lesen seiner mitgebrachten Bücher. Ich selbst war alledem gegenüber auch nicht abgeneigt, aber mein Hauptwunsch bestand im Grunde genommen nur darin, die Hütte, ihre Atmosphäre und ihre Umgebung zu genießen.

Heizen, Kochen, Spülen, Ordnung machen – das sollten meine Aufgaben sein. Und so ernannte ich mich selbst zum Küchenchef der Hütte, was bei meinen Mitstreitern auf wenig Widerstand stieß und mir am Ende sogar ihren ungeteilten Beifall einbrachte. Natürlich fand ich daneben auch noch genügend Zeit und Muse für besinnliche Stunden. Gerne saß ich auf einer Bank in der Nähe der Hütte und schaute auf das kleine Städtchen im Tal hinunter oder auf die bewaldeten Höhen gegenüber. Im beginnenden Herbst begann ihr dunkles Laubgrün langsam gelbliche, braune und orangefarbene Töne anzunehmen. Gegen Abend gingen nach und nach die Lampen in Schmitten an, bis sie schließlich zusammen einen kleinen funkelnden Lichterteppich bildeten. Anblicke, die genug Anreiz zum Nachdenken, Meditieren und In-sich-Gehen boten.

Wurde ich dann von den bereits ungeduldig auf mich und auf das Spiel Wartenden hereingerufen, nahm ich gerne daran teil und fühlte mich in ihrer Gesellschaft,vor allem aber umgeben von schützenden Holzwänden, sicher und geborgen.

Eine solche Hütte zu besitzen, das war schon damals mein Traum. Deshalb verstand ich auch den Unmut der beiden jüngeren Brüder nicht, als sie bereits am nächsten Vormittag anfingen, über Langeweile und fehlende Abwechslung zu klagen und richtig froh darüber waren, als wir dann am Abend abgeholt wurden.

Ich selbst wäre liebend gerne geblieben.


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1 – Das Hüttchen

Dort, wo im Buchschläger Wald der dichte Bestand junger, armstarker Birken in einen älteren Nadelwald überging, stand meine allererste Hütte. Das heißt, eigentlich war es gar keine richtige Hütte, sondern nur ein aus Zweigen, Ästen und Fichtenreisern notdürftig zusammengefügter Unterstand. Wir – eine Handvoll Buben aus unserem Haus und der Nachbarschaft – hatten ihn zwischen ein paar Fichtenstämmen, die im passenden Abstand zueinander standen gebaut. Das war „unser Hüttche“, wie wir es nannten. Bei unseren Unternehmungen im Wald, bei Indianerspielen, Tierbeobachtungen und nach dem Herumstreifen im Gelände diente es uns als Treff- und Sammelpunkt, als Ort zum Verschnaufen und Ausruhen und auch als – wenn auch nicht ganz vollkommener – Schutz vor Regen und Wind, obwohl wir seine Wände und Überdachung reichlich mit Grünzeug und Gestrüpp abgedeckt hatten. Trotzdem fanden wir es in seinem Inneren recht gemütlich. Der Boden war mit einer dicken Schicht welken Laubs, getrockneter Gräser und abgestorbener Farnwedel bedeckt, so dass er zum bequemen Niederlassen einlud. Zudem war dieser füllige Bodenbelag gut geeignet, um darin Obst- und Gemüse als unseren Notproviant zu verstecken und aufzubewahren. Meist brachten wir ja von zuhause nichts zu Essen mit, sondern stibitzten uns, was wir brauchten per Mundraub von den umliegenden Feldern und Obstwiesen. So, gegen etwaige Unbilden der Witterung sowie gegen etwa plötzlich aufkommenden Hunger gefeit, konnten wir es in unserem Waldversteck schon ein gutes Weilchen aushalten. Hier fühlten wir uns einfach wohl, geborgen und aufgehoben.

Unsere einzige Sorge dabei bestand in der Furcht, unser geheimes Refugium könnte entdeckt und zerstört werden. Denn diese Angst war nicht ganz unberechtigt. Gefahr drohte zum einen vom zuständigen Revierförster, der unser Treiben in seinem Wald vielleicht nicht dulden wollte. Zum anderen fürchteten wir, eine andere Bubengruppe, eine andere „Kippe“ – wie wir sagten, könnte ihre Streit- und Zerstörungslust während eines der damals üblichen „Kippe-Krachs“ daran austoben.

Aber all unsere Sorgen und Befürchtungen waren umsonst, denn niemand tat unserem heimlichen Waldversteck je ein Leid an – andere „Kippen“ nicht, vielleicht deshalb, weil sie es erst gar nicht fanden, und auch der Förster nicht, der es wohl schon entdeckt haben mochte, der aber nichts dagegen unternahm, weil er sah, dass wir sonst keinen Schaden in seinem Wald anrichteten, oder weil er sich vielleicht an seine eigene Bubenzeit erinnerte, in der ihm ein solcher Zufluchtsort vielleicht selbst einmal etwas bedeutet hatte. Unser Hüttchen war ja von keinerlei materiellem Wert war, dennoch hätte uns sein Verlust recht schmerzlich getroffen.

Zumindest einmal hatte unser Hüttchen dennoch fremden Besuch. Eines Tages überraschten wir nämlich ein Liebespaar, das sich wohl wegen mangelnder sonstiger Bleibe dort hinein zurück gezogen hatte. Es kehrte aber nach seinem Entdecktwerden nie mehr dorthin zurück. Sicher, weil war ihm dieser Platz von nun an nicht mehr heimlich genug war.

Was uns dieses Hüttchen im Wald so kostbar machte, war die Tatsache, dass uns damit auch außerhalb der heimischen vier Wände ein Ort zur Verfügung stand, an und in dem wir das Gefühl von Zuhause, von Aufgehoben- und Geborgensein empfinden konnten.

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