hws-natour

Exkursion – Reflexion – Kreation

Berschweiler Sommer

Eine Kindheitserinnerung

Wir lagen auf dem Rücken, die Füße nach unten ausgestreckt, auf der Kuppe des kleinen Wiesenhügels, der sanft hinter unserem Haus und Garten anstieg und den die Einheimischen schlicht ‚Hiwwel‘ nannten. Eine milde Frühsommersonne schien uns warm ins Gesicht und bräunte unsere nackten, aus knappen Hemdsärmeln und kurzen Hosenbeinen herausragenden Arme und Beine. Der Blick nach oben gab einen von überstehenden Grashalmen begrenzten Ausschnitt eines tiefblauen Himmels frei, in dem von Zeit zu Zeit blütenweiße Wolken schwammen. Schwach stieg der Duft wilden Thymians in unsere Nasen, der das auf der Spitze des Hügels ausgetretene blaugrüne Schiefergestein in blassrosa Polstern umgab. Die Stille um uns herum wurde nur gelegentlich durch das Summen und Sirren vorbeifliegender Insekten unterbrochen. Wir genossen die Ruhe des Augenblicks in vollen Zügen. Und doch fühlten wir uns im Innern nicht völlig gelöst, lauschte unser Ohr doch insgeheim der Stimme, die jeden Moment von unten her aus der Hintertür des Hauses oder aus dem Garten heraus erschallen und uns zu einer Beschäftigung, einem Auftrag, einer Besorgung oder aber zur Bestrafung irgendeines Versäumnisses oder Fehlverhaltens unsererseits herbeirufen konnte.

Die Stimme war die der ‚Mutter‘, eigentlich unserer Großmutter, von allen Familienmitgliedern aber immer nur ‚die Mutter‘ genannt. Zu ihr, hierher nach Berschweiler, einem kleinen Dorf in der äußersten Westpfalz nahe an der Grenze zum Saarland, wurden wir, ich aus dem Rhein-Main-Gebiet, und Karlheinz, mein Cousin aus dem Saargebiet, der zwei Jahre älter war als ich, in der sogenannten ’schlechten Zeit‘ der Nachkriegsjahre jeden Sommer von unseren Eltern gebracht, damit sie uns hier versorgte und es zu Hause jeweils einen Esser weniger gab. Die Ernährungssituation war zu dieser Zeit hier auf dem Lande eben weitaus besser und einfacher zu befriedigen als in unseren heimischen Stadtgebieten.

Die ‚Mutter‘ baute in ihrem Garten selbst an, was sie an Obst und Gemüse brauchte. Was darüber hinaus noch fehlte, erwarb sie durch Feldarbeit bei den ortsansässigen Bauern. Den kleinen Stall direkt neben ihrer Haustür bevölkerten stets ein knappes Dutzend Hühner sowie zwei oder drei Milchziegen. Eier, Milch und Butter waren so immer im Haus. Frühmorgens, oft wenn wir Buben noch schliefen, war sie schon im Stall, versorgte die Tiere und molk die Ziegen, um anschließend mittels einer handbetriebenen Zentrifuge und einem hölzernen Butterfass handgroße, schneeweiße Butterballen herzustellen, die sie nach oben hin abrundete und mit einem Messer schuppenartig verzierte, so dass sie wie kleine weiße Igel aussahen. Frische Ziegenbutter auf kräftigem Schwarzbrot aßen wir beide sehr gern, zumal da ja noch die selbst gemachte Himbeer- oder Johannisbeergelee hinzukam. Die Ziegenmilch mochten wir beide ihres strengen Ziegengeschmacks wegen aber nicht. Doch da gab es kein Pardon. Sie musste getrunken werden, und zwar restlos bis zum letzten Tropfen – aller eventuell aufkommender Übelkeit zum Trotz.

Beim Mittagessen tauchte oft ein ähnliches Problem auf. Meist gab es dicke Gemüse-, Erbsen-, Bohnen- oder Linsensuppe, die wir zwar recht gerne aßen, aber nicht in den Mengen, die uns da ausgeteilt wurden. Aber auch hier mussten die Teller leergegessen werden. Und so löffelten wir tapfer und oft schon eher verzweifelt weiter, bis wir endlich wenigstens die roten Sperlingsvögel sehen konnten, die im Bodenmuster unserer Suppenteller abgebildet waren.

Außer mit Suppen verköstigte uns die ‚Mutter‘ mit Reis- und Griesbrei, Eier- und Kartoffelpfannkuchen, ‚Struwwel‘, einem Gericht, bei dem der Kartoffelteig in der Pfanne zerrissen und knusprig von allen Seiten gebraten wurde, Nudeln mit Dörrobst, selbst gebackenen Waffeln und Hefekuchen in verschiedenen Variationen. Fleisch und Fisch gab es so gut wie nicht, und auch von der an der Decke im hintersten Zimmer verführerisch duftend hängenden Hausmacherwurst sahen wir höchstens an Festtagen kleine, bescheidene Stückchen auf unserem Abendbrotteller. Wenn sich allerdings Besuch aus einer unserer Familien angesagt hatte, gab es auch die feine Lyoner, eine Fleischwurst vom Metzger im Ort, über den wir uns gerne lustig machten, weil er uns in seiner rosafarbenen Rundlichkeit stark an die Tiere erinnerte, die er selbst zu Fleisch und Wurst verarbeitete. Im Grunde aber fehlte uns, was die Ernährung anbetraf, nichts.

Was uns fehlte, war etwas ganz anderes, nämlich Verständnis, Liebe, Wärme und Zuneigung. Denn die ‚Mutter‘ war streng, sehr streng. Jedes kleinste Vergehen, jede geringste Unachtsamkeit, die wir uns zu schulden kommen ließen, ahndete sie gnadenlos mit sofortiger Bestrafung. Zwar ging sie mit Schlägen und körperlicher Züchtigung weitgehend sparsam um, sparte dafür aber nicht mit unbarmherzigen Zurechtweisungen und groben Schimpfworten. „Dau lerreriger Hund, dau!“ – „Du nichtsnutziger Hund, du!“ war eine ihrer viel gebrauchten Beschimpfungen. Mit hängenden Köpfen, gebeugt, mit krummen Rücken wie geprügelte Hunde schlichen wir uns nach solchen Strafgerichten davon.

Eine Strafe, die ich zeitlebens nicht vergessen konnte und die mir immer deutlich im Gedächtnis blieb, ereignete sich, als ich noch recht klein, etwa drei oder vier Jahre alt, war. Meine mittlere, sieben Jahre ältere Schwester und ich waren aus irgendeinem Grund zu Weihnachten bei der ‚Mutter‘ untergebracht. Nun hatte meine Schwester das Pech, am Vormittag des Heiligen Abends den Deckel eines Einmachglases fallen zu lassen, worauf er in tausend Stücke zersprang. Zur Strafe durfte sie am Abend nicht bei der Bescherung anwesend sein. Eingesperrt in ‚Mutter’s‘ Kammer durfte sie durch die bunten Glasscheiben der Kammertür hindurch die Lichter des Weihnachtsbaumes betrachten und mit ansehen, wie ich alleine beschert wurde. Sie bekam an diesem Abend nichts.

Karlheinz und ich litten sehr unter dem harten Wesen unsrer Großmutter, und machten unsrem Kummer und unseren Klagen Luft, wenn wir allein irgendwo draußen waren oder am Abend in unsrem gemeinsamen Bett lagen. Ohnmächtig beschwerten wir uns beieinander, schimpften, fluchten, weinten und suchten Halt und Trost aneinander. Tagsüber versuchten wir dann, so gut wie möglich wieder unsere Pflichten zu erfüllen, der ‚Mutter‘ im Haus zu helfen, Johannisbeeren und Stachelbeeren im Garten zu pflücken, Einkäufe im Dorf zu erledigen, Brennholz für den Herd herbeizuschaffen, im Kohleschuppen Steinkohle zu zertrümmern und an den Herd zu legen und ähnliches mehr. Trotz aller zutage gelegten Mühe habe ich dennoch nie ein Lob für einen von uns aus ihrem Munde vernommen.

Dabei wollten wir ihr wirklich helfen und stets versuchen, alles zu vermeiden, was ihren Zorn erregen könnte. Denn, gehasst haben wir unsere Großmutter nie. Dafür anerkannten wir zu sehr die körperliche Fürsorge, die sie uns angedeihen ließ. Schließlich ernährte sie uns, wusch unsere Kleider, und besserte daran aus, was kaputt gegangen war. Darüber hinaus respektierten wir ihre Arbeit, die morgens in der Frühe begann und erst abends nach dem Futtermähen für die Ziegen, wenn sie das schwere frische Grasfutter auf dem Kopf in einem großen Tuchballen nach Hause getragen hatte, endete. Nein, wir haben sie weder gehasst noch geliebt – aber gefürchtet haben wir sie.

Immer dann, wenn unsere Niedergeschlagenheit und Verzweiflung wieder einmal ihren Höhepunkt erreicht hatte, malten wir uns aus, wie wir darauf reagieren und wie wir es ihr heimzahlen könnten. Karlheinz, dessen zu Hause nur etwa fünfzig Kilometer entfernt lag, sagte kategorisch, er würde nach der nächste Schimpfattacke einfach heimlaufen. Trotz aller Irrealität dieses Gedankens war er doch eine berauschende Vorstellung, mit der ich allerdings nicht ganz mithalten konnte, lag Frankfurt ja doch mehr als einhundertfünfzig Kilometer von uns entfernt.

Reale, wenn auch nicht ganz so effektvolle und weit greifende Möglichkeiten, dem Bannkreis der ‚Mutter‘ zu entfliehen, gab es aber auch. Da waren zum einen die kleinen Freiheiten, die sich zwangsläufig aus dem gemeinsamen Zusammenleben ergaben. Schon die einfachen Aufträge, im Dorf beim Bäcker oder Lebensmittelhändler kleinere Einkäufe zu machen, eröffneten uns Freiräume von mindestens ein bis zwei Stunden. Und so liefen wir dann, um Salz, Mehl oder Zucker zu kaufen, befreit und losgelassen die Berggrube (einheimisch: ‚Beerschgrub‘), an deren Ende als drittletztes das kleine Haus der ‚Mutter‘ lag, zu einem kleinen Wiesental, ‚Grasbach‘ genannt, hinab und von dort die gepflasterte Landstraße am Bach entlang hin zum Zentrum des Dorfes. Hier stand auf einer kleinen Straßeninsel ein dicker Lindenbaum, die Dorflinde, die von einer Sitzbank umgeben und der Mittel- und Treffpunkt der Berschweiler Bevölkerung war. Auf der rechten Straßenseite daneben erstreckte sich hinter einem geräumigen Hof das Gebäude der alten Dorfschule, in die meine Mutter als kleines Mädchen schon gegangen war. Daneben schloss sich der Lebensmittelladen an, in dem wir aber neben den unentbehrlichen Grundnahrungsmitteln nur so uninteressante Sachen wie Wasch- und Putzmittel kauften. Weitaus interessanter für uns war dagegen der Bäckerladen auf der anderen Seite des Dorfplatzes. Unter seiner blank geputzten Glastheke schimmerten uns Süßigkeiten in verlockenden Formen und Farben entgegen. Unsere absoluten Favoriten darunter waren kleine Täfelchen, die unter einem dünnen Schokoladenüberzug zuckersüße Himbeer- oder Zitronencreme verbargen. Bereits der Anblick der auf ihren Verpackungen in grellbunten Farben dargestellten Früchte ließ uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ganze fünfundzwanzig Pfennige kostete diese Köstlichkeit, ein nicht geringer Batzen für unsere damaligen Finanzen. Trotzdem fiel es uns äußerst schwer, dieser Versuchung zu widerstehen, besonders am Anfang des Sommers, wenn unser kärglich bemessenes Taschengeld noch beinahe vollzählig vorhanden war.

Eine noch viel größere Möglichkeit, frei und ungebunden zu sein, ergab sich, wenn die ‚Mutter‘ uns aufforderte, nach Fohren zu gehen, um Brot zu holen. Fohren-Linden, ein Nachbarort von Berschweiler, lag zwar nur knappe zwei Kilometer entfernt und wäre bei flottem Fußmarsch leicht in weniger als einer halben Stunde erreichbar gewesen, so dass unsere Mission in gut zwei Stunden hätte erledigt sein können. Uns Buben wurde aber eine viel längere Gehzeit samt der Wartezeit beim Bäcker zugestanden, so dass wir einen ganzen Vor- oder Nachmittag dafür veranschlagen durften. Durch diese erfreuliche Aussicht beglückt, machten wir uns strahlend auf den Weg. Die geräumige Strohtasche, die auf dem Heimweg die beiden großen, runden Vierpfünder-Brotlaibe beherbergen sollte, trugen wir an ihren starken Lederriemen abwechselnd auf dem Rücken. Nun lag relativ viel freie Zeit vor uns. Wir trödelten den Feldweg entlang, beobachteten, was rechts und links von ihm wuchs oder sich regte, erzählten, bauten Luftschlösser, spielten Trapper und Indianer und manches mehr. Nachdem wir beim Bäcker an der Reihe gewesen waren und unsere Brote in Empfang genommen und bezahlt hatten, ging es denselben Weg zurück. Diesmal allerdings nötigte uns die zu tragende Last ein flotteres Geh-Tempo ohne allzu viele Ablenkungen und Unterbrechungen ab. In der Nähe der Berggrube und unseres Hauses legten wir dann aber noch einmal eine lange Pause ein, um das Gefühl der Freiheit und des Ungebunden-Seins so lange wie möglich auszukosten. Zu Hause war es damit ja leider wieder vorbei, und es herrschte wieder das strenge Regelwerk der ‚Mutter‘.

Zu ihren Regeln gehörte es auch, dass sie sich nach dem Mittagessen, wenn wir ihr beim Spülen und Abtrocknen des Geschirrs geholfen hatten, zu einem längeren Mittagsschlaf in ihren Korbsessel setzte, der neben ihrer Kammertür in der großen Stube stand. Natürlich gönnten wir ihr die Mittagsruhe. Das Schlimme daran war nur, dass sie auch von uns verlangte, Mittagsschlaf zu halten, und zwar bei ihr in der Stube und auf der langen, blanken Holzbank hinter dem Esstisch liegend. Dass dies schiefgehen musste, war von Anfang an abzusehen. Zum einen war die Holzbank hart und unbequem. Zum anderen neigten junge, gesunde Buben in unserem Alter schon damals nicht dazu, mittags müde zu sein, eine Stunde lang zu schweigen und bei schönstem Sonnenschein Mittagsschlaf zu halten. Zum dritten trug die ‚Mutter‘ selbst einiges dazu bei, uns wach zu halten. War sie endlich nach einigem Gähnen und Schnaufen eingeschlafen, entfuhr ihr hin und wieder ein unkontrollierter lauter Schnarcher, der von uns natürlich mit einem anfangs noch unterdrückten Kichern und Lachen quittiert wurde. Kam so ein Schnarchton sogar einmal nicht aus ihrem Mund sondern woanders her, war es auch mit unseren unterdrückten Lautäußerungen vorbei und wir platzen laut lachend heraus. Die so aus ihrem Schlaf Gerissene bedachte uns sogleich mit einer ihrer Schimpfkanonaden und der Aufforderung, jetzt endlich Ruhe zu halten und weiterzuschlafen. Was ihr selbst danach gelang, blieb uns Buben jedoch versagt, zumal nun noch der Korbsessel bei jeder ihrer unbewussten Bewegungen mitschwang und dabei die ulkigsten Quietschtöne von sich gab, was in keinerlei Weise dazu beitrug, unsere Heiterkeit zu unterbinden. Das Ende vom Lied war, dass sie, wieder zornig erwacht, uns als nichtsnutzige Lausbuben aus der Stube hinaus und ins Freie jagte. Hatten wir je etwas anderes gewollt?!

Im Freien waren wir eh am liebsten. Hier konnten wir unsere Abenteuerträume im Spiel ungehindert ausleben. Indianer, Cowboy und Trapper zu sein, genügte uns bald nicht mehr. Wir wurden Forscher und Tierfänger in Afrika. Aus Sand, Steinen, Zweigen und Blättern bauten wir uns Zoos mit Käfigen und Gehegen, in die wir unsere gefangenen Tiere einquartierten. Plastikfiguren aus der Spielzeugkiste mussten dafür herhalten, aber auch lebende Kleintiere wie Käfer und Schnecken, die zu Affen und Löwen oder Ähnlichem avancierten. Einmal wollten wir als Riesensensation eine kleine Eidechse zum menschenfressenden Nilkrokodil hochdekorieren, aber leider war die ihr zugedachte Behausung nicht ausbruchssicher genug, so dass das flinke Tier schnell wieder entkam.

In Grasbach, hinter dem ‚Maschineschupp‘, einer landwirtschaftlich genutzten Halle, in der die Bauern des Ortes die Dreschmaschine und andere Großgeräte untergebracht hatten, erhob sich ein großer naturbelassener Hügel, aus dem hier und da der blanke Fels herausragte, während andere Teile mit Gebüsch, Gras und Gestrüpp bedeckt waren. Ein idealer Abenteuerspielplatz für uns, zumal er von keiner Seite aus einsehbar war und niemand unser Treiben beobachten konnte. Seine Felsformationen, in denen wir kleine Burgen sahen, forderten direkt zum Ritterspiel heraus.

Eines Tages fand ich dort im Gebüsch ein völlig verrostetes Bajonett, das wohl noch aus dem Ersten Weltkrieg stammte. Seine Spitze und Schneide war derart korrodiert, dass es alle Schärfe und damit auch seine Gefährlichkeit völlig verloren hatte. Der Griff bestand ebenfalls nur noch aus einem rostigen Stück Eisen, alle anderen Teile waren bereits längst vermodert und abgefallen. Dennoch hob ich dieses seltene Fundstück mit Begeisterung auf und steckte es durch den Gürtel meiner kurzen Lederhose, so dass es griffbereit an meiner Seite hing. Von nun an war es kein wertloses Kriegsrelikt mehr, sondern ein Schwert, mein Schwert, und da ich damals gerade ein Buch mit griechischen Heldensagen geradezu verschlungen hatte, war es jetzt zudem das Schwert des Odysseus. Wenn wir nun Teile der griechischen Mythologie nachspielten, verstand es sich von selbst, dass ich den Part jenes antiken Heroen verkörperte, während für Karlheinz lediglich die Rolle eines seiner Mitstreiter übrig blieb. Vor dem Heimgehen musste ich meinen neuen Schatz allerdings bis zur nächstmöglichen Fortsetzung unserer Heldenabenteuer wieder im Gestrüpp verstecken, weil wir nicht ganz sicher waren, wie die ‚Mutter‘ beim Anblick eines, wenn auch nicht mehr brauchbaren, Seitengewehrs reagieren und welche Erinnerungen an den Krieg und ihren darin umgekommenen Ehemann es bei ihr auslösen würde.

Natürlich wussten auch wir, dass unser Großvater bereits 1915 im nahen Elsaß gefallen war, hing doch über unsrem Bett in einem großen, dunkel lackierten Holzrahmen das ihn betreffende Gedenkblatt für die Angehörigen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Diese Gedenkblätter zeigten einen Engel, der einem am Boden liegenden Soldaten einen Eichenzweig darreicht. Oben auf dem Blatt stand der Bibelspruch: „Wir sollen auch unser Leben für die Brüder lassen.“ und – in unserem Fall – unten in einem Rahmen von Lorbeeren „Zum Gedächtnis des Musketiers August Kehl. Er starb fürs Vaterland am 31. Mai 1915“. Darunter war der Name und der Truppenteil des Gefallenen vermerkt. Den Abschluss bildete eine Faksimile-Unterschrift Kaiser Wilhelms II. über einem Eisernen Kreuz von 1914. Per allerhöchstem Befehl hatte der Kaiser selbst anlässlich seines Geburtstages im Januar 1915 diese Gedenkblätter in Auftrag gegeben. Sie sollten den Dank des Vaterlandes ausdrücken und als eine bleibende Erinnerung den Angehörigen zu einem wohl etwas mehr als fragwürdigen Trost dienen. Das Bataillon des entsprechenden Regiments verschickte sie an die nächsten Angehörigen. Bei verheirateten Soldaten, wie bei der ‚Mutter‘ war dies eben die Ehefrau, und so hing es nun bei ihr an der Wand. Obwohl wir es täglich sahen und oft auch seine Inschriften studierten, beeindruckte es uns wenig, ebenso wie der Tod des Großvaters selbst, da er doch für unsere Begriffe schon Ewigkeiten zurücklag und für unsere Realität ebenso wenig von Bedeutung war, wie etwa eine Schlacht Alexanders des Großen. Gestalten wie jener historische Feldherr waren uns in unseren Spielabenteuern jedenfalls wesentlich näher als das Schicksal eines unserer zwar nächsten aber halt unbekannten Verwandten.

Was mir von unseren Spielen am eindrücklichsten im Gedächtnis blieb, das war das Glück dieser Stunden, das Glück, das sich in der totalen Hingabe an den Augenblick gründete. Wenn wir spielten, gehörten wir ganz dem Hier und Jetzt. Was gestern war, was morgen kommen würde, war wie weggeblasen. Sorgen und Unangenehmes existierten einfach nicht mehr. Wir gingen ganz in der Idee und Ausführung unseres Spiels auf und waren glücklich und froh. Wir fühlten uns so frei wie das weiß oder braun gefiederte Hühnervolk, das man damals, als es so gut wie noch keinen Autoverkehr gab, einfach auf den Straßen, Wegen und Wiesenrainen herumlaufen lassen konnte, ganz ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, . Immer dann, wenn ich in meinen späteren Lebensjahren auf dem Lande oder irgendwo im Urlaub einen Hahn mit seinen Hennen ein Stück Wiese durchstreifen sah, fühlte ich mich zurückversetzt in jene glücklichen Momente meiner Kindheit. Auch der Duft von wildem Thymian erweckte in mir stets die Erinnerung an die angenehmen Stunden unserer Berschweiler Sommer.

Das Glück zu finden, gelang uns auch noch auf eine andere Weise. Es lag ja sozusagen mitten auf dem Weg, besser, auf den Wegen, die aus dem Dorf heraus zu den Feldern der Ortsbauern führten. Im Laufe der Jahre hatten dort unzählige schwere Erntewagen tiefe Rinnen in die Wegspuren gegraben, hatten das darunter liegende Gestein freigelegt und gelockert und mit ihren eisenbeschlagenen Rädern teilweise zertrümmert und zermahlen. Dabei waren hier und da kleinere und größere Steindrusen aufgebrochen, so dass das darin enthaltene kristallisierte Quarz als Bergkristall ans Tageslicht gekommen war. Es handelte sich dabei entweder um glasklare Kristallstücke, um mehr oder weniger violett gefärbte Amethyste oder um bunt gebänderte Achate, je nachdem, wie der Kristallisationsprozess des Minerals einst verlaufen war. Aufmerksam, den Blick immer nach unten gerichtet, liefen wir jene Feldwege, jeder auf ’seiner‘ Spur, entlang und hielten Ausschau nach den manchmal im Erdreich steckenden oder auch einfach offen daliegenden Kostbarkeiten. Der einheimischen Bevölkerung waren diese meist kleinen und oft auch unansehnlich zerbrochenen Mineralien längst nicht mehr der Mühe des Sich-Bückens und Aufhebens wert, hatten sie doch nicht selten in ihren Häusern bereits viel größere und prächtigere Exemplare auf den Fensterbänken stehen oder in ihren Vorgärten liegen. Uns jedoch entzückte jeder Fund, und war er noch so klein, so dass er stets mit einem kleinen Freudenschrei geborgen wurde. Unterwegs schon mit Fingern, Spucke und dem oft schon sehr mitgenommenen Taschentuch provisorisch gesäubert, wurde er dann zu Hause mittels Wasser und Bürste vollständig gereinigt, so dass seine ganze Schönheit sichtbar wurde. Hielten wir dann am Abend einen unserer Schätze zwischen zwei Fingern hoch gegen das Licht der untergehenden Abendsonne und brachen sich ihre rötlichen Strahlen an den Facetten und Kanten der klaren, obeliskartigen Gebilde, dann kam es nicht nur in diesem Halbedelstein, sondern auch in den Augen zweier glücklicher Buben zu einem strahlenden Leuchten.

Glückliche und frohe Stunden und Momente, wenn auch als echte Ausnahmen, erlebten wir, der Ehrlichkeit halber, ab und zu auch mit der ‚Mutter‘ zusammen. Manchmal durften wir sie begleiten, wenn sie Nachbarn oder Verwandten bei der Ernte half. Wie schön war es, auf der Ladefläche eines großen, von Pferden oder Kühen gezogenen Leiterwagens zu sitzen, rechts und links von schräg aufragenden Leitern vor dem Herausfallen geschützt, und so langsam aus dem Dorf hinaus zu der betreffenden Wiese oder dem jeweiligen Kornfeld zu zuckeln, um das dort wartende Erntegut einzubringen! Fleißige, tatkräftige Hände – darunter auch die unserer ‚Mutter‘- schaufelten dann die Heu- oder Getreidegarben in den Wagen und ließen sie zu einem stetig höher werdenden Berg anwachsen. Das alles war eine schweißtreibende und mit sehr viel Staub verbundene Arbeit, bei der wir Jungen eigentlich nur mehr oder weniger Zuschauer waren. Dennoch gab es auch für uns, wenn der Wagen voll beladen war, Anteil an der sich anschließenden Brotzeit, die meistens aus Milchkaffee und Marmeladenbroten bestand, wenn die ‚Mutter‘ sie mitgebracht hatte, und die uns da draußen auf dem Felde bedeutend besser schmeckte als zu Hause. Oft aber schielten wir auch hinüber zu den Proviantpaketen der Bauersleute, bei denen oft recht ansehnliche Wurstbeläge zwischen den Brotscheiben klemmten. Hin und wieder fiel auch für uns etwas davon ab. Das Schönste aber kam, wenn die Heimfahrt anstand. Uns Buben wurde nämlich, versehen mit vielen Ermahnungen zu unserer eigenen Sicherheit, erlaubt, auf die Spitze des Heu- oder Garbenberges zu klettern und von dort aus die Rückfahrt zu genießen. Es war ein tolles Gefühl, wenn sich der Erntewagen rüttelnd und schüttelnd unter uns in Bewegung setzte, und wir uns in unserer schwindelerregenden Höhe schon gut festhalten mussten und uns einen sicheren Sitz im Heu oder Stroh gruben. So ging es dann, in schwankender Höhe hoch erhaben, dem Dorf und der entsprechenden Scheune oder der Dreschhalle zu, wobei wir uns uns wie Pharaonen fühlten, die nach erfolgreicher Eroberung oder Schlacht auf ihrem Sonnenwagen heimwärts zogen. Angesichts der am Wegesrand stehenden Passanten sparten wir folgerichtig dann auch nicht mit huldvoll grüßendem Winken.

In luftiger Höhe saßen wir auch bei einer anderen Ernte, zu der uns die ‚Mutter‘ zu gegebener Zeit mitnahm, nämlich beim ‚Kirschenpflücken bei Faltins‘. Die Faltins waren eine Bauernfamilie, mit denen die ‚Mutter‘ – und damit auch wir – irgendwie über mehrere Ecken herum verwandt waren und die am Ortsausgang in Richtung Freisen ein eingezäuntes Obstbaumgrundstück mit etlichen großen Kirschbäumen besaßen, deren Stämme wir Kinder kaum umfassen konnten. Hier wuchsen auch nicht die zwar recht kleinen wenn auch ebenfalls schmackhaften Weichseln, an denen wir sonst gerne naschten und die an wild im Feld wachsenden Bäumen hingen, hier gediehen die dicken, schwärzlich-rot oder rötlich-gelb gefärbten Herzkirschen, sowohl ein Augenschmaus als auch einer für den Magen. Waren sie reif, mussten alle Familienmitglieder – bis auf die ganz alten – mit Hand anlegen, die süße Ernte einzubringen. Auf langen Leitern stiegen sie bis in die schwankenden Baumwipfel hinauf, während wir Buben aus Sicherheitsgründen zum Pflücken höchstens auf den unteren, noch starken Ästen sitzen oder aber die heruntergefallenen Früchte, sofern sie nicht aufgeplatzt oder angefault waren, nur vom Boden aufheben durften. So oder so füllten sich unsere Sammelbehälter nur recht langsam, weil viele Früchte gar nicht den Weg in sie, sondern in unsere Münder hinein fanden. ‚Kirschenpflücken bei Faltins‘ blieb somit eines der wenigen Ereignisse, bei denen wir mit frohen und dankbaren Gefühlen an die ‚Mutter‘ dachten.

Erstaunt und völlig überrascht von ihrem Verhalten uns gegenüber waren wir ein anderes Mal. Ab und zu, alle zwei, drei Wochen einmal kam ein kleines, dreirädriges Lastwägelchen die steinig-staubige ‚Beerschgrub‘ heraufgefahren. Schon von weitem hörte man das Brummeln seines Motors sowie das helle Scheppern der vielen Glasflaschen, die in Holzkisten auf seiner rückwärtigen Ladefläche standen. In ihnen befand sich hauptsächlich Limonade, Limonade in den höchst verführerisch leuchtenden Farbtönen Gelb, Orange, Rot und Grün. Unsere Augen hingen jedesmal sehnsuchtsvoll schmachtend an der Farbenpracht jener Flaschen, während unsere Gaumen in Gedanken schon deren doch wohl so köstlichen Inhalt schmeckten. Allein, kaufen konnten und durften wir sie nicht. Laut ‚Mutter‘ war das unnützes, sogar ungesundes Zeug, für das es sich nicht lohnte, Geld auszugeben. Frisches Wasser aus dem Brunnen, noch mit Himbeer- oder Johannisbeersirup verfeinert, wäre da viel billiger und gesünder. So blieb uns der Genuss jener farbenprächtigen Köstlichkeiten verwehrt, bis, ja bis die ‚Mutter‘ eines abends, als das Wägelchen wieder einmal vor dem Nachbarhaus stand und der Fahrer gerade dabei war, dort eine Lieferung abzugeben, sie unversehens auf ihn zutrat und ihm zwei Flaschen Limonade, orange und grün, abkaufte. Wahrscheinlich hatte sie doch den sehnsuchtsvollen Blick unserer Augen nicht übersehen und ihm – an diesem Abend zumindest – auch nicht widerstehen können. Die Limonade schmeckte übrigens längst nicht so gut, wie wir es uns gedacht und vorgestellt hatten. Aber mehr noch als diese Erfahrung beschäftigte uns die überraschende Erkenntnis, zu welchen gefühlsmäßigen Regungen unsere ‚Mutter‘ auch fähig war. Bald sollte sie uns Gelegenheit geben, noch mehr Einsicht in ihr Gefühlsleben zu erlangen.

Es war an einem jener Tage, an denen wieder einmal ‚Holzholen am Buchekopp‘ auf dem Programm stand. Morgens nach dem Frühstück wurde der leichte Handwagen aus dem Stall geholt und mit Beil, Säge und Stricken beladen. Hinzu kam ein Korb, in dem sich die in eine Wolldecke eingewickelte Milchkaffee-Kanne, Kaffeegeschirr und -besteck, eingepackte Schmalz- und Butterbrote sowie etwas Speck und hartgekochte Eier befanden, da das Unternehmen den ganzen Tag über dauern würde. Bevor wir jedoch starteten, schloss die ‚Mutter‘ sorgfältig alle Fenster der Stube und zündete das Mückenpulver an, das auf dem Tisch in der Mitte des Raumes auf einem Teller lag. Danach verschloss sie auch die Haustür in der Hoffnung, am Abend nach unserer Rückkehr allen lästigen Stubenfliegen den Garaus gemacht zu haben.

Den leichten Leiterwagen rechts und links an der Deichsel ziehend, zogen wir, Karlheinz und ich, durch den Ort, während die ‚Mutter‘ hinterdrein ging. An der Kirche vorbei bogen wir gleich hinter dem Pfarrhaus nach rechts in einen breiten Feldweg ein, der am Friedhof des Dorfes vorbei führte. An diesem angekommen, ließen wir unser Gefährt an seiner grauen Feldsteinmauer stehen und schritten durch das eiserne Gittertor die in Terrassen ansteigenden Gräberreihen hinauf, bis wir zu einem Grab kamen, auf dessen Steinplatte der Name Günter Kehl prangte. Günter war Karlheinz‘ älterer Bruder, den er aber nie kennengelernt hatte, weil er schon Anfang des Krieges an einer Lungenentzündung in einer Kriegsmarineschule in Aachen gestorben war, noch bevor Karlheinz überhaupt geboren war. Warum Günter hier in Berschweiler und nicht bei seinen Eltern im Saargebiet beerdigt worden war und warum er wohl auch lange Zeit vorher bei der ‚Mutter‘ gelebt hatte, entzog sich unserer Kenntnis. Wir kannten ihn nur von zwei Fotografien her, welche die ‚Mutter‘ ab und zu hervorholte. Die Eine zeigte einen jungen Burschen, der in strammer Haltung und mit an die Hosennaht gehaltenen Händen den Betrachter mit forsch herausforderndem Blick anschaute. Das andere Bild war ein Porträt auf dem er eine Matrosenbluse und die bebänderte Matrosenmütze der Marineschule trug. Zusammen mit diesen Fotos zeigte uns die ‚Mutter‘ manchmal auch eine Zeichenmappe, in der sie Günters Bleistiftzeichnungen und Radierungen aufbewahrte, die wir stets bewunderten, weil sie sehr gut gelungen waren und von großem Talent zeugten. Viel mehr als seine Fotos und Zeichnungen interessierte uns damals allerdings eine ganz andere Hinterlassenschaft Günters, nämlich sein großes HJ-Fahrtenmesser, das neben anderen Gerätschaften an der Holzwand der Speichertreppe hing. Was wäre das für ein Schwert für unsere Spiele gewesen! Nur, mitnehmen durften wir diese gefährliche Stichwaffe natürlich nicht. Ab und zu zogen wir es heimlich aus seiner Scheide, bewunderten es von allen Seiten und prüften vorsichtig mit dem Finger die Schärfe seiner Schneide. Eine Blutrinne war dort eingegraben und darüber die Worte ‚Blut und Ehre‘, die uns schon ein wenig schaudern ließen.

Immer wenn die ‚Mutter‘ von Günter sprach, wurden ihre Gesichtszüge weich und ihre Stimme nahm einen feierlichen, fast ehrfurchtsvollen Ton an. Ähnliches geschah auch jetzt, da wir vor seinem Grab standen. Wie immer senkten wir nach dem Blumengießen andächtig die Köpfe, schlossen die Augen und falteten die Hände zu einem stillen Gebet. Als ich einmal meine Augen öffnete und zu ihr hin blinzelte, sah ich, dass sie ihre Augen weit geöffnet hatte, wobei Tränen in ihnen blinkten. Als junger Bub konnte ich damals nicht verstehen, wie man so traurig sein und um jemanden weinen konnte, der doch schon so lange tot war.

Nachdem wir den Friedhof verlassen hatten, folgten wir dem Weg weiter durch die Senke eines Wiesentales und dann langsam aber stetig zu einer großen bewaldeten Hügelkuppe hinauf, dem ‚Buchekopp‘, unserem Ziel. Auf einer lichten, fast ebenen Stelle inmitten mächtiger Buchenstämme stellten wir unser Wägelchen ab, entluden es und machten uns unverzüglich in verschiedene Richtungen auf, um Brennholz zu sammeln. Gesucht und gefragt waren außer dürren Buchenreisern trockene nicht allzu dicke Äste und Zweige, die man leicht noch mit der Hand durchbrechen oder notfalls mit dem Beil durchhacken konnte. Arm um Arm voll schleppten wir sie zu unserem Ziehwagen, wo die ‚Mutter‘ sie auf die gewünschte Länge verkürzte und zu Bündeln, sogenannten ‚Wellen‘ zusammenband. War die nähere Umgebung erfolgreich abgesucht, stießen wir tiefer in den Wald hinein, was uns außer einem Mehr an Holz zugleich auch ein Mehr an Zeit zum Verweilen und Beobachten einbrachte. Um die Mittagszeit machten wir Pause, setzten uns auf die ausgebreitete Wolldecke, tranken unseren Milchkaffee und verzehrten hungrig die mitgebrachten Mahlzeiten.

Während wir uns anschließend noch ein wenig ausruhten, sah ich plötzlich, wie die ‚Mutter‘ aufstand, die Augen mit der Hand beschattete und den Blick über Wälder und Hügel hinweg zum fernen Horizont hin richtete. Wieder entspannten sich ihre Züge, und wieder vermeinte ich trotz des Schattens ihrer Hand ein feines Glitzern in ihren Augen zu entdecken. Was war das nun wieder? Dachte sie wieder an Günter, aber warum hier und warum der Blick in die Ferne? Ich konnte es mir damals nicht erklären, wusste zu jener Zeit jedoch noch nicht, dass sie vielleicht dorthin zu blicken versuchte, wo sie sich einst von ihrem Mann auf seinem Weg in den Krieg verabschiedet und ihn zum letzten Mal gesehen hatte, oder dorthin, wo er so bald danach im elsässischen Weißenburg sein frühes Grab gefunden hatte. Eine verletzliche, selbst leidende ‚Mutter‘ war für mich in jenen Tagen etwas vollkommen Neues, ein Rätsel, das ich als Kind noch nicht ergründen konnte.

Wieder zu Hause angekommen, brachten wir Buben die Holzbündel durch den Stall in den Schuppen, da die ‚Mutter‘ zunächst alle Fenster und Türen des Wohnbereiches öffnete, um die Reste der giftigen Schwaden des verbrannten Fliegenpulvers abziehen zu lassen. Dann fegte sie ganze Kehrschaufeln voll toter Fliegen zusammen, die überall verendet auf Möbeln, Herd, Fensterbänken und Fußboden lagen, und warf sie auf den Mist. Anschließend durften auch wir wieder die Stube betreten, die allerdings immer noch streng nach der verbrannten Chemikalie roch, was unseren Appetit beim Abendessen nicht unbedingt steigerte. Übrigens brauchten die Fliegen, da es ja Viehställe und Misthaufen als deren Nist- und Brutstätten in der Umgebung zur Genüge gab, nur gute zwei bis drei Tage, um die erlittenen Verluste wieder vollständig zu ersetzen und Stube und Haus wieder in alter Stärke zu bevölkern.

Zu alter Stärke und Strenge kehrte auch die ‚Mutter‘ trotz der zuvor ansatzweise gezeigten milden Gefühlsregungen im Umgang mit uns wieder zurück, und so war uns dann auch ab und zu wieder zum Davonlaufen zumute. Natürlich war und blieb das von Karlheinz in Erwägung gezogene Heimlaufen ins Saargebiet reine Illusion, aber es sollte sich dann für uns ein neuer, wenn auch nicht ganz so spektakulärer, Flucht- und Zielpunkt auftun.

Meine älteste Schwester, Ria, war nach einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte von zu Hause aus Sprendlingen weg und ganz zur ‚Mutter‘ nach Berschweiler gezogen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Sie wohnte jetzt ganz bei der ‚Mutter‘ und hatte Arbeit als Serviererin in einem amerikanischen Offiziersclub im benachbarten Baumholder gefunden. Die amerikanischen Streitkräfte hatten nach dem Krieg den gesamten Truppenübungsplatz, samt Kasernen und Wohnblocks rund um Baumholder von der deutschen Wehrmacht übernommen und ein großes Truppenkontingent dort stationiert. Viele der einheimischen Bevölkerung fanden bei den ‚Amis‘, wie es hieß, Arbeit und Verdienst. Bei einer gemeinsamen Besichtigung des Clubgeländes hatte uns Ria zumindest die Fenster gezeigt, hinter welchen sie gewöhnlich arbeitete, denn die Innenräume des Restaurants durften wir als unbefugte deutsche Zivilisten ja nicht betreten. So wussten wir jedoch, wo wir sie im Notfall zu suchen hatten. Solch ein Notfall trat immer dann ein, wenn wir wieder einmal meinten, es bei der ‚Mutter‘ nicht länger aushalten zu können. So stahlen wir uns dann von ihr unbemerkt davon und machten uns auf den gut sechs Kilometer langen Weg nach Baumholder. Der lange Marsch über die baumbestandene Landstraße war bestens geeignet, allen Frust, Ärger und Ungemach vergessen zu machen. Am Ziel angelangt, machten wir uns durch Winken und leises Klopfen an die Scheiben des Clubs bemerkbar, worauf meine Schwester uns stets nach einem Weilchen Dinge durch das geöffnete Fenster hinaus reichte, die sie vorher für uns gekauft hatte und die wir als den Inbegriff amerikanischer Köstlichkeiten ansahen: herrliche grellbunt eingepackte Schokoladenriegel, ganze Kaugummi-Päckchen oder Dosen mit gesalzenen Erdnüssen. Dazu gab es Becher mit Coca-Cola oder zuckersüßer Limonade zu trinken. Ria fragte uns übrigens niemals, wieso wir eigentlich zu ihr kamen. Sie konnte es sich wohl denken, denn sie hatte ja selbst schon ihre eigenen einschlägigen Erfahrungen im Umgang mit der ‚Mutter‘ gemacht. Neu gestärkt und frisch gelabt, traten wir dann vergnügt den langen Heimweg an, auf dem sich unsere Stimmung aber mehr und mehr verdüsterte, je näher wir Berschweiler und dem Haus der ‚Mutter‘ kamen. Welches Strafgericht würde da wohl wieder wegen des unerlaubten langen Fortbleibens auf uns warten?! Jedoch fiel dieses dann meist doch recht gnädig aus, da sich die ‚Mutter‘ wohl einige Sorgen wegen unseres langen Wegbleibens gemacht hatte und am Ende gar froh war, uns heil und gesund wiederzusehen. Dennoch wurden wir dabei den Eindruck nicht los, dass ihre Sorge in Wirklichkeit gar nicht uns und unserem Wohlergehen galt, sondern eher der Befürchtung entsprungen war, von unseren Eltern wegen mangelnder Aufsichtspflicht getadelt zu werden, falls uns wirklich etwas zugestoßen wäre. Und so fühlten wir uns in ihrer Obhut weiterhin ungeliebt und einsam und sehnten uns nach einem warmen, liebevollen Zuhause, so wie wir es zumindest unserer Vorstellung und Erinnerung nach bei unseren Familien hatten. Und so sehnten wir das Ende des Sommers herbei, selbst wenn dieses zugleich natürlich auch das Ende der Sommerferien bedeutete.

Besonders schlimm waren Einsamkeit und Heimweh dann zu ertragen, wenn einer von uns alleine bei der ‚Mutter‘ war, sei es deswegen, weil er später hingebracht oder früher abgeholt wurde. In solchen Stunden des Alleinseins, als auch Ria noch nicht in Berschweiler wohnte, stand ich oft neben dem großen Weißdornbusch, der auf halber Höhe der ‚Beerschgrub‘ am Rande einer Wegbiegung wuchs, und schaute sehnsüchtig auf die Landstraße ins Tal hinunter, inständig darauf hoffend, dort würde jemand aus meiner Familie auftauchen, um mich heim zu holen – eine Hoffnung, die in der Regel jedoch jeder realen Grundlage entbehrte. Nur einmal, ich traute meinen Augen kaum, kam von dort tatsächlich eine mir vertraute Gestalt den Weg herauf. Es war meine um sieben Jahre ältere Schwester Inge, mit der ich zu Hause zwar so manchen heftigen Geschwisterstreit ausgefochten hatte, die mir jetzt aber wie ein rettender Engel erschien. Meine Freude über unser unerwartetes Zusammentreffen steigerte sich noch, als ich erfuhr, dass sie gekommen war, um die restliche Zeit mit mir zusammen bei der ‚Mutter‘ zu verbringen, bevor wir dann gemeinsam mit Bus und Bahn die Fahrt nach Hause antreten würden. Nun hatte ich zumindest, nachdem Karlheinz weg war, wieder eine Verbündete, die mir im Kampf mit ‚Mutter’s‘ Strenge beistehen und Trost spenden konnte.

Zu jener Zeit machte ich mir kaum Gedanken darüber, warum unsere Großmutter eigentlich so streng und hart zu uns war und warum sie uns nicht mehr Wärme und Zuneigung schenkte. Erst viel später, als ich schon erwachsen war, kam mir die Einsicht, dass es wohl das Schicksal ihres Lebens gewesen war, das sie so geformt und geprägt hatte, dass sie einfach nicht imstande war, mehr zu geben.

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