
In den Fabeln der Antike ist Reineke traditionell der Name des Fuchses. Er wird darin stets als schlau und verschlagen dargestellt, einer, der sein Ziel meist mehr durch Tücke als durch Kraft erreicht. In den volkstümlich bekannten Fabeln wie „Der Fuchs und der Rabe “ oder „Der Fuchs und die Weintrauben“ ist er der klassische Betrüger, der manchmal dann aber selbst überlistet wird. Ein negatives Bild vom Fuchs als einem, vor dem man Angst haben muss, wurde oft schon im Kindesalter verbreitet. So erinnere ich mich noch gut an mein eigentlich geliebtes Bilderbuch „Die Hasenschule“, das aber mit einer drastischen Warnung endete und den Fuchs, gefährlich verschlagen dreinblickend, angetan mit Jägerhut und rotem Gewand, den Dolch in der Hand, hinter einem Busch lauernd, bedrohlich als möglichen Räuber und Mörder zeigte. Lange Zeit geisterte dieses Bild durch die Träume und Ängste meiner frühenKindheit. Wie es später dann aber trotzdem dazu gekommen ist, dass ich Reineke als Freund bezeichne, das werden die Schilderungen meiner Begegnungen mit ihm zeigen. Zunächst aber etwas zu seiner Biologie und Lebensweise.

Der Rotfuchs (Vulpes vulpes) ist fast in allen Ländern Europas verbreitet. Er durchstreift Wälder, Wiesen und offenen Agrarlandschaften, lebt am Stadtrand und auch in den Städten, je nachdem, wie und wo er Unterschlupf und Nahrung findet. Als Allesfresser steht ihm eine breite Palette von Nahrungsangeboten zur Verfügung. Sie reicht von Mäusen und Ratten über Kaninchen, Eichhörnchen, Igeln, Gänsen und Hühnervögeln bis hin zu Fischen, Fröschen und Würmern. Dennoch ist er kein reiner Fleischfresser, sondern nimmt auch Früchte wie Pflaumen und Himbeeren an. In den Städten lebt er oft vom Abfall der Menschen. Entgegen der landläufigen Meinung verbreiten Füchse keine Tollwut, können aber Parasiten wie den Fuchsbandwurm übertragen, wobei diese Gefahr aber relativ gering ist. Füchse sind bei der Nahrungssuche meist alleine unterwegs, dennoch sind sie keine Einzelgänger, sondern leben in keinen Familien, die aus einem Rüden, einer Fähe und den Welpen als dem Nachwuchs bestehen. Rotfüchse paaren sich einmal im Jahr, meistens im Januar oder Februar. Nach 50 Tagen bringt das weibliche Tier vier bis sechs Junge zur Welt.

Obwohl der Rotfuchs bei uns also recht häufig und weit verbreitet ist, habe ich dennoch während vieler Streifzüge über Jahrzehnte hin, gemessen am Anblick anderer Wildtiere, nur relativ wenige Sichtungen von Füchsen registrieren und noch weniger davon fotografisch festhalten können. Natürlich ist es ein Leichtes, einen Fuchs im Wildpark zu fotografieren, aber für mich zählen nur Aufnahmen aus der freien Wildbahn.




An einem Radweg, der in der Nähe unserer Wohnung durch ein kleines Wäldchen führte, stand in einer Senke, am Stamm einer dicken Fichte angelehnt, eine luftiger Hochsitz. Immer, wenn ich beim Vorbeiradeln seine Leitersprossen durch das lichte Unterholz erspähte, fragte ich mich, was es eigentlich hier, so in der Nähe der Stadt, zu sehen und beobachten gäbe. Nachdem ich durch einen Zufall den Jagdpächter dieses Reviers kennengelernt und von ihm die Erlaubnis erhalten hatte, erklomm ich eines Sommermorgens die luftige Höhe jenes Ansitzes. Es war noch sehr früh und die Sicht noch schlecht. Ich erkannte unter mir den kahlen Boden einer von Sträuchern und Gebüsch umstandenen kleinen Lichtung, in deren Mitte mehrere Wasserpfützen glänzten. Zunächst herrschte fast absolute Stille, die einmal durch das Flattern einer Hohltaube unterbrochen wurde, die sich nur kurz vor einer der Pfützen niedergelassen hatte, um dort kopfnickend ihren Durst zu stillen. Darauf tat sich weiterhin nichts, und es wurde ein wenig langweilig. Plötzlich aber schob sich, von rechts aus dem Gebüsch kommend, ein langer, dünner Schatten in mein Blickfeld: ein Fuchs! Welch eine freudige Überraschung! Es war zwar nur ein schwaches Füchsen, was meiner Freude über ihn aber keinen Abbruch tat. Langsam, immer wieder am Boden nach etwaiger Nahrung schnüffelnd, überquerte er die kleine Lichtung. Plötzlich, schon am rechten Rand der Senke, hob er den Kopf und lauschte. Auch ich hatte etwas gehört und wandte meinen Augenmerk nach rechts, von wo die Geräusche kamen. Mit lautem Grunzen brach da eine kleine Rotte Wildschweine, zwei Bachen und eine quirlige Schar von schwarz-weiß gestreiften Frischlingen aus dem Unterholz hervor. Als ich den Blick wieder dem Füchslein zuwenden wollte, war es verschwunden, still und schemenhaft, so, wie es gekommen war.




Auf der Suche nach qualitativ besseren Aufnahmen erzählte mir ein befreundeter Landwirt, dass sich hinter seinem Aussiedlerhof oft eine ganze Fuchsfamilie auf dort gelagerten Strohballen und -haufen tummele. Bereits am nächsten Morgen lauerte ich in einem rückwärtigen Anbau seines Hofes, Blick und Kamera durch ein Fenster auf die großen Strohrollen gerichtet. Und er hatte nicht zu viel versprochen. Mit der aufgehenden Sonne erschienen einige Mitglieder der Fuchsfamilie auf der Spitze ihres Strohberges, benutzen sie als Ausguck oder gaben sich auf ihr einem genüsslichen Ausruhen hin.








Vom Balkon im 2. Stock aus fiel der Blick auf ein großes, weiträumiges Kornfeld, das dicht und nur durch einen schmalen Fußweg getrennt, neben dem Haus begann, in dem wir wohnten. Das ganze Jahr über war es ein beliebtes Ziel futtersuchender Tiere. Besonders natürlich aber zur Erntezeit. Kaum hatte der Mähdrescher die erste Bahn vollendet, schwirrten schon Stare und andere Singvögel auf der Jagd nach herabfallenden Körnern und aufgescheuchten Insekten um ihn herum. Fast augenblicklich und immer mehr werdend, erschienen Raubvögel am Himmel: Bussarde, Falken oder Milane, die kreisend nach flüchtenden Mäusen und anderen Nagern Ausschau hielten und gelegentlich darauf hinab stießen. Hatte dann die Maschine ihre Arbeit getan und sich lärmend bis zum nächsten Jahr verabschiedet, löste sich der Tumult der Beutesuchenden auch langsam auf. Doch damit bekam das nun abgeerntete Kornfeld seine Ruhe noch nicht zurück. Bereits am nächsten Tag suchten Raben, Krähen, Elstern, Spatzen und Meisen nach auf ihm übrig Gebliebenem, fielen ganze Schwärme von Grau-, Kanada- und Nilgänsen mit dem gleichen Vorhaben darauf nieder. Für mich war es dabei immer äußerst spannend, zu beobachten, wie sich von Tag zu Tag andere Tierarten auf dem jetzt zum Stoppelacker gewordenen Feld niederließen. So saß ich auch eines Morgens und betrachtete, wie die frühe Morgensonne anfing, die Stoppeln auf dem Feld langsam blass rosa einzufärben. Welch eine schöne zarte Farbe, dachte ich noch, als sie plötzlich eine farblich passende kräftig Bereicherung erfuhr: ein Fuchs stahl sich ins Bild. Sicher war er, wie all die anderen vor ihm, ebenfalls hier auf der weiten Palette auf der Suche nach etwas Fressbarem, einem Großinsekt etwa, oder nach einer versteckt übrig gebliebenen Maus. Ich konnte nicht sehen, ob er Erfolg hatte, aber ich freute mich, dass Freund Reineke mich gleichermaßen so nahe an meinem Zuhause besucht hatte.





Doch was ist es nun, was mir, diesen so übel als arg- und hinterlistig Beleumdeten, den als Hühnerdieb und Überbringer von Parasiten und Krankheiten Geschmähten, so sympathisch macht, dass ich ihn als einen Freund, als meinen Freund betrachte? Es ist vor allem sein Aussehen: die lange, elegante Gestalt mit der buschigen Rute am Ende. Und dann ist es sein Fell und dessen Farben. Rotfüchse haben ein weiches, dichtes Fell. Auf der Oberseite ist es gelbrot bis rotbraun. Das Maul, die Brust und der Bauch sind hellgrau bis weiß, die Beine und die Hinterseite der Ohren dunkelbraun bis schwarz. Den kräftigen Schwanz ziert eine weiße Blume am Ende. Hinzu kommt der Umstand des selteneren und für mich deshalb wertvolleren Anblicks sowie die Tatsache, dass der Fuchs in unseren Gefilden das einzige größere Raubtier ist, das unsere Wälder und Fluren durchstreift.

Beim Vorbeifahren sah ich aus dem linken Augenwinkel heraus etwas Rotes im grünen Feld aufleuchten. Sofort hielt ich an, um nachzusehen, was das war. Und tatsächlich stand da mitten am Tag ein stattlicher Fuchs. Die helle Mittagssonne ließ sein Fell in all seiner Pracht erstrahlen und mit dem Grün der Wiese einen leuchtenden Kontrast bilden. Einen Moment lang schaute Freund Reineke zu mir herüber, gerade lange genug, dass ich ihn in Ruhe ablichten konnte. Dann zog er in die Deckung des Waldes davon.

Den Krakower Obersee in der Mecklenburgischen Seenplatte umgibt ein Naturschutzgebiet, das sowohl Fisch- als auch Seeadler beheimatet, eine Tatsache, die mich bereits mich mehrere Male veranlasste, seine naturbelassenen Ufer zu besuchen. Zu meinem Lieblingsbeobachtungsturm am südlichen Ende des Sees führt ein schmaler Pfad, der rechts von einem Waldstück und links von einer Viehkoppel begrenzt wird. Mit schöner Regelmäßigkeit wurde ich dort in den frühen Morgenstunden stets von einem oder zwei Füchsen begrüßt, die plötzlich geisterhaft vor mir aus den Büschen oder aus dem hohen Gras auftauchten. Von meinem Platz auf dem Aussichtsturm aus konnte ich dann leicht und mühelos, bei ihrer Mäusejagd oder bei ihrem sonstigen Treiben beobachten.










Vom Balkon unseres idyllisch gelegenen Urlaubsdomizils auf einem Ferienbauernhof am Ammersee ging der Blick auf eine langgezogene Wildwiese, die linker Hand von einem Waldrand begrenzt wurde. Schon gleich nach unserer Ankunft bemerkte ich bei einem ersten prüfenden Rundblick eine flüchtige, rötliche Bewegung im grünen Bewuchs, dachte aber dabei zunächst an eine herumstreunende Katze, die wohl zum Bauernhof gehöre. Als ich tags drauf in Muse das Gelände vor mir mit dem Fernglas absuchte, fiel mir das Rote wieder auf. Und diesmal sah ich es in aller Deutlichkeit. Es war ein prächtiger, ausgewachsener Fuchsrüde, wie mir sein starker Körperbau verriet, der sich hier eindeutig auf der Jagd befand. Immer wieder streifte er spähend und wittern durch das Grasland, verharrte hier und da einen Moment, um dann wie von einer Feder geschnellt zum Sprung anzusetzen. Dann verschwand sein Vorderteil hinter Grasbüscheln und nur sein gekrümmter, zuckender Rücken war zu sehen. Wenn er dann wenige Augenblicke danach wieder den Kopf hob, befand sich meist eine Maus oder Ratte in seinem Fang. Eigentlich sollte ihn das bei einem nächsten Zubeißen hinderlich sein, jedoch sah ich, wie es ihm trotzdem gelang, weiter Beute zu machen und bis zu sechs Nager auf einmal sicher davon zu tragen. Ganz offensichtlich jagte er also nicht für sich selbst, sondern versorgte auf diese Weise seine Familie, die Fähe und die Welpen, die irgendwo im angrenzenden Wald in einer Höhle oder einem Versteck verborgen ruhten. Ihr scheinbar mächtiger Hunger nötigte ihn dazu, seine Jagdausflüge mehrmals am Tag zu wiederholen. Drei Tage lang stellte er als treu sorgender Vater den Nahrungsbedarf seiner Familie sicher. Dann kam er nicht mehr. Entweder hatte er eine andere Futterquelle entdeckt, oder in der Wiese waren schlichtweg die Mäuse all.










Ein Fuchspaar, das gerade erst mit der Gründung einer Familie begriffen war, konnte ich im NSG Mortkaute in Rheinhessen beobachten. Sie lagen auf einer sandigen Stelle zwischen zwei Holunderbüschen mitten im offenen Wiesengelände, genossen den Sonnenschein und neckten einander. Ob sich an dieser Stelle auch ihr Bau befand, war nicht ersichtlich. Nachwuchs war jedenfalls keiner zu sehen.








Nach dem traulichen Zusammensein des Paares, nach dem Ausruhen in der warmen Sonne hatte sich dann wahrscheinlich aber der Hunger wieder gemeldet, denn sie gingen nun, jeder für sich, zur Jagd. Bei zwei so eifrigen Jägern wunderte es dann auch nicht sonderlich, dass eine in ihrem Revier begonnene Kiebitzbrut letztendlich nicht von Erfolg gekrönt war.







Zur Kupa, dem Grenzfluss zwischen Slowenien und Kroatien, zog es uns in früheren Jahren wegen seiner noch ursprünglichen Natur und seinem hervorragenden Bestand an wilden Äschen und Bachforellen immer wieder. Die Häuser der kleinen Ortschaft, so auch das Haus, in dem wir wohnten, zogen sich in loser Reihenfolge am kroatischen Flussufer entlang. Um sie herum war der Natur meist freien Lauf gelassen und es herrschten Wildwuchs und Wildnis. Haus und Garten unseres Gastgebers machten da keinen Unterschied. Eines frühen Morgens, als ich von unserem Fenster im oberen Stock aus in den Garten hinunter schaute, bemerkte, dass sich etwas im hohen Gras bewegte. Mit Freuden erkannte ich Meister Reineke, der da durch den erwiderten Garten schlich. Ob er dann danach Beute machen konnte, weiß ich nicht. Ich aber war froh über die reiche Fotobeute, die mir an diesem Morgen, nach einem schnellen Griff zur Kamera, zuteil wurde.




Nach einem langen Angeltag auf dem Lake Laberge im kanadischen Yukon-Territorium hatte uns unser Guide gerade wieder aufs Trockene gebracht, als zu unserem Erstaunen ein prächtiger Rotfuchs aus der Deckung herauskam und ohne Scheu vor uns stehen blieb. Das Erstaunen und die Überraschung bezogen sich allerdings nur auf uns, bis uns unser einheimischer Angelführer erklärte, dass der Fuchs nach jedem Angelausflug hier auf ihn warte, weil ihm dann stets ein guter Happen zugeworfen würde. Bei aller Freude über den Anblick eines Rotfuchses im Yukon ist doch zu bedenken, dass seine durch den Klimawandel hervorgerufene Verbreitung bis hin in den hohen Norden den hier heimischen Polarfuchs als Nahrungskonkurrent bedrängt und ihm, als der Stärkere und Robustere, den angestammten Lebensraum streitig macht.




